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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Zehntes Kapitel Philine  wußte  sich  nun  täglich  besser  bei  den  Damen  einzuschmeicheln.  Wenn  sie  zusammen allein waren, leitete sie meistenteils das Gespräch auf die Männer, welche kamen und gingen, und Wilhelm war nicht der letzte, mit dem man sich beschäftigte. Dem klugen Mädchen blieb es nicht verborgen, daß er einen tiefen Eindruck auf das Herz der Gräfin gemacht habe; sie erzählte daher von ihm, was sie wußte und nicht wußte; hütete sich aber, irgend etwas vorzubringen, das man zu seinem Nachteil hätte deuten können, und rühmte dagegen seinen Edelmut, seine Freigebigkeit und besonders seine Sittsamkeit im Betragen gegen das weibliche Geschlecht. Alle übrigen Fragen, die an sie geschahen, beantwortete sie mit Klugheit, und als die Baronesse die zunehmende Neigung ihrer  schönen  Freundin  bemerkte,  war  auch  ihr  diese  Entdeckung  sehr  willkommen.  Denn  ihre Verhältnisse zu mehrern Männern, besonders in diesen letzten Tagen zu Jarno, blieben de r Gräfin nicht  verborgen,  deren  reine  Seele  einen  solchen  Leichtsinn  nicht  ohne  Mißbilligung  und  ohne sanften Tadel bemerken konnte. Auf  diese  Weise  hatte  die  Baronesse  sowohl  als Philine jede ein besonderes Interesse, unsern Freund  der  Gräfin  näherzubringen,  und  Philine  hoffte  noch  überdies,  bei  Gelegenheit  wieder  für sich zu arbeiten und die verlorne Gunst des jungen Mannes sich wo möglich wieder zu erwerben. Eines  Tags,  als  der  Graf  mit  der  übrigen  Gesellschaft  auf  die  Jagd  geritten  war  und  man  die Herren erst den andern Morgen zurückerwartete, ersann sich die Baronesse einen Scherz, der völlig in ihrer Art war; denn sie liebte die Verkleidungen und kam, um die Gesellschaft zu überraschen, bald als Bauermädchen, bald als Page, bald als Jägerbursche zum Vorschein. Sie gab sich dadurch das  Ansehn  einer  kleinen  Fee,  die  überall  und  gerade  da,  wo  man  sie  am  wenigsten  vermutet, gegenwärtig  ist.  Nichts  glich  ihrer  Freude,  wenn  sie  unerkannt  eine  Z eitlang  die  Gesellschaft bedient  oder  sonst  unter  ihr  gewandelt  hatte  und  sie  sich  zuletzt  auf  eine  scherzhafte  Weise  zu entdecken wußte. Gegen Abend ließ sie Wilhelmen auf ihr Zimmer  fordern, und da sie eben noch etwas zu tun hatte, sollte Philine ihn vorbereiten. Er kam und fand nicht ohne Verwunderung statt der gnädigen Frauen das leichtfertige Mädchen im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen anständigen Freimütigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte, und nötigte ihn dadurch gleichfalls zur Höflichkei t. Zuerst scherzte sie im allgemeinen über das gute Glück, das ihn verfolge und ihn auch, wie sie wohl merke, gegenwärtig hierhergebracht habe; sodann warf sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen vor, womit er sie bisher gequält habe, schalt und beschuldigte sich selbst, gestand, daß sie sonst wohl so seine Begegnung verdient, machte eine so aufrichtige Beschreibung ihres Zustandes, den sie den vorigen nannte, und setzte hinzu, daß sie sich selbst verachten müsse, wenn sie nicht fähig wäre, sich zu ändern und sich seiner Freundschaft wert zu  machen. Wilhelm war über diese Rede betroffen. Er hatte zu wenig Kenntnis der Welt, um zu wissen, daß eben, ganz leichtsinnige und der Besserung unfähige Menschen sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit großer Freimütigkeit bekennen und bereuen, ob sie gleich nicht die mindeste Kraft in  sich  haben,  von  dem  Wege  zurückzutreten,  auf  den  eine  übermächtige  Natur  sie  hinreißt.  Er konnte  daher  nicht  unfreundlich  gegen  die  zierliche  Sünderin  bleiben;  er  ließ  sich  mit  ihr  in  ein Gespräch ein und vernahm von ihr den Vorschlag zu einer sonderbaren Verkleidung, womit man die schöne Gräfin zu überraschen gedachte. Er fand dabei einiges Bedenken, das er Philinen nicht verhehlte; allein die Baronesse, welche in dem Augenblick hereintrat, ließ ihm keine Zeit zu  Zweifeln übrig, sie zog ihn vielmehr mit sich fort, indem sie versicherte, es sei eben die rechte Stunde. Es war dunkel geworden, und sie führte ihn in die Garderobe des Grafen, ließ ihn seinen Rock ausziehen und in den seidnen Schlafrock des Grafen hineinschlüpfen, setzte ihm darauf die Mütze 92
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
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Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
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