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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Sie  fand  Wilhelmen  noch  mit  Mignon  beschäftigt  und  beredete  ihn,  mit  herunterzugehen.  Er folgte ihr mit einigem Unwillen, doch trieb ihn die Neugier: denn da er von vornehmen Personen hörte,  war  er  voll  Verlangen,  sie  näher  kennenzulernen.  Er  trat  ins  Zimmer,  und  seine  Augen begegneten  sogleich  den  Augen  der  Gräfin,  die  auf  ihn  gerichtet  waren.  Philine  zog  ihn  zu  der Dame,  indes  der  Graf  sich  mit  den  übrigen  beschäftigte.  Wilhelm  neigte  sich  und  gab  auf verschiedene Fragen, welche die reizende Dame an ihn tat, nicht ohne Verwirrung Antwort. Ihre Schönheit, Jugend, Anmut, Zierlichkeit und feines Betragen machten den angenehmsten Eindruck auf  ihn,  um  so  mehr,  da  ihre  Reden  und  Gebärden  mit  einer  gewissen  Schamhaftigkeit,  ja  man dürfte sagen Verlegenheit begleitet waren. Auch dem Grafen ward er vorgestellt, der aber wenig acht auf ihn hatte, sondern zu seiner Gemahlin ans Fenster trat und sie um etwas zu fragen schien. Man konnte bemerken, daß ihre Meinung auf das lebhafteste mit der seinigen übereinstimmte, ja daß sie ihn eifrig zu bitten und ihn in seiner Gesinnung zu bestär ken schien. Er  kehrte  sich  darauf  bald  zu  der  Gesellschaft  und  sagte:  »Ich  kann  mich  gegenwärtig  nicht aufhalten, aber ich will einen Freund zu euch schicken, und wenn ihr bil lige Bedingungen macht und euch recht viel Mühe geben wollt, so bin ich nicht abgeneigt, euch auf dem Schlosse spielen zu lassen.« Alle   bezeigten   ihre   große   Freude   darüber,   und   besonders   küßte   Philine   mit   der   größten Lebhaftigkeit der Gräfin die Hände. »Sieht Sie, Kleine«, sagte die Dame, indem sie dem leichtfertigen Mädchen die Backen klopfte, »sieht Sie, mein Kind, da kommt Sie wieder zu mir, ich will schon mein Versprechen halten, Sie muß  sich  nur  besser  anziehen.«  Philine  entschuldigte  sich,  daß  sie  wenig  auf  ihre  Garderobe  zu verwenden habe, und sogleich befahl die Gräfin ihren Kammerfrauen, einen englischen Hut und ein seidnes  Halstuch,  die  leicht  auszupacken  waren,  heraufzugeben.  Nun  putzte  die  Gräfin  selbst Philinen an, die fortfuhr, sich mit einer scheinheiligen, unschuldigen Miene gar artig zu gebärden und zu betragen. Der   Graf   bot   seiner   Gemahlin   die   Hand   und   führte   sie   hinunter.   Sie   grüßte   die   ganze Gesellschaft im Vorbeigehen freundlich und kehrte sich nochmals gegen Wilhelmen um, indem sie mit der huldreichsten Miene zu ihm sagte: »Wir sehen uns bald wieder.« So   glückliche   Aussichten   belebten   die   ganze   Gesellschaft;   jeder   ließ    nunmehr   seinen Hoffnungen, Wünschen und Einbildungen freien Lauf, sprach von den Rollen, die er spielen, von dem  Beifall,  den  er  erhalten  wollte.  Melina  überlegte,  wie  er  noch  geschwind  durch  einige Vorstellungen den Einwohnern des Städtchens etwas Geld abnehmen und zugleich die Gesellschaft in Atem setzen könne, indes andere in die Küche gingen, um ein besseres Mittagsessen zu bestellen, als man sonst einzunehmen gewohnt war. Zweites Kapitel Nach einigen Tagen kam der Baron, und Melina empfing ihn nicht ohne Furcht. Der Graf hatte ihn als einen Kenner angekündigt, und es war zu besorgen, er werde gar bald die schwache Seite des kleinen Haufens entdecken und einsehen, daß er keine formierte Truppe vor sich habe, indem sie kaum ein Stück gehörig besetzen konnten; allein sowohl der Direktor als die sämtlichen Glieder waren  bald  aus  aller  Sorge,  da  sie  an  dem  Baron  einen  Mann  fanden,  der  mit  dem  größten Enthusiasmus   das   vaterländische   Theater   betrachtete,   dem   ein   jeder   Schauspieler   und   jede Gesellschaft  willkommen  und  erfreulich  war.  Er  begrüßte  sie  alle  mit  Feierlichkeit,  pries  sich glücklich, eine deutsche Bühne so unvermutet anzutreffen, mit ihr in Verbindung zu kommen und die vaterländischen Musen in das Schloß seines Verwandten einzuführen. Er brachte bald darauf ein Heft aus der Tasche, in welchem Melina die Punkte des Kontraktes zu erblicken hoffte; allein es war ganz etwas anderes. Der Baron bat sie, ein Drama, das er selbst verfertigt und das er von ihnen 74
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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