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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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kümmerlichen  Genuß,  gezwungen  sind,  ihren  besten  Wünschen  entsagen  und  das,  was  ihnen  als höchste Glückseligkeit vorschwebte, für immer entbehren zu lernen. Auf den Flügeln der Einbildungskraft hatte sich Wilhelms Begierde zu dem reizenden Mädchen erhoben; nach einem kurzen Umgange hatte er ihre Neigung gewonnen, er fand sich im Besitz einer Person,  die  er  so  sehr  liebte,  ja  verehrte:  denn  sie  war  ihm  zuerst  in  dem  günstigen  Lichte theatralischer Vorstellung erschienen, und seine Leidenschaft zur Bühne verband sich mit der ersten Liebe  zu  einem  weiblichen  Geschöpfe.  Seine  Jugend  ließ  ihn  reiche  Freuden  genießen,  die  von einer lebhaften Dichtung erhöht und erhalten wurden. Auch der Zustand seiner Geliebten gab ihrem Betragen eine Stimmung, welche seinen Empfindungen sehr zu Hülfe kam; die Furcht, ihr Geliebter möchte ihre übrigen Verhältnisse vor der Zeit entdecken, verbreitete über sie einen liebenswürdigen Anschein von Sorge und Scham, ihre Leidenschaft für ihn war lebhaft, selbst ihre Unruhe schien ihre Zärtlichkeit zu vermehren; sie war das lieblichste Geschöpf in seinen Armen. Als er aus dem ersten Taumel der Freude erwachte und auf sein Leben und seine Verhältnisse zurückblickte, erschien ihm alles neu, seine Pflichten heiliger, seine Liebhabereien lebhafter, seine Kenntnisse  deutlicher,  seine  Talente  kräftiger,  seine  Vorsätze  entschiedener.  Es  ward  ihm  daher leicht, eine Einrichtung zu treffen, um den Vorwürfen seines Vaters zu entgehen, seine Mutter zu beruhigen  und  Marianens  Liebe  ungestört  zu  genießen.  Er  verrichtete  des  Tags  seine  Geschäfte pünktlich, entsagte gewöhnlich dem Schauspiel, war abends bei Tische unterhaltend und schlich, wenn  alles  zu  Bette  war,  in  seinen  Mantel  gehüllt,  sachte  zu  dem  Garten  hinaus  und  eilte,  alle Lindors und Leanders im Busen, unaufhaltsam zu seiner Geliebten. »Was bringen Sie?« fragte Mariane, als er eines Abends ein Bündel hervorwies, das die Alte in Hoffnung  angenehmer  Geschenke  sehr  aufmerksam  betrachtete.  »Sie  werden  es  nicht  erraten«, versetzte Wilhelm. Wie verwunderte sich Mariane, wie entsetzte sich Barbara, als die aufgebundene Serviette einen verworrenen  Haufen  spannenlanger  Puppen  sehen  ließ.  Mariane  lachte  laut,  als  Wilhelm  die verworrenen  Drähte  auseinanderzuwickeln  und  jede  Figur  einzeln  vorzuzeigen  bemüht  war.  Die Alte schlich verdrießlich beiseite. Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwei Liebende zu unterhalten, und so vergnügten sich unsre Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine Truppe wurde gemustert, jede Figur genau betrachtet und  belacht.  König  Saul  im  schwarzen  Samtrocke  mit  der  goldenen  Krone  wollte  Marianen  gar nicht gefallen; er sehe ihr, sagte sie, zu steif und pedantisch aus. Desto besser behagte ihr Jonathan, sein glattes Kinn, sein gelb und rotes Kleid und der Turban. Auch wuß te sie ihn gar artig am Drahte hin  und  her  zu  drehen,  ließ  ihn  Reverenzen  machen  und  Liebeserklärungen  hersagen.  Dagegen wollte  sie  dem  Propheten  Samuel  nicht  die  mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr gleich Wilhelm  das  Brustschildchen  anpries  und  erzählte,  daß  der  Schillertaft  des  Leibrocks  von  einem alten Kleide der Großmutter genommen sei. David war ihr zu klein und Goliath zu groß; sie hielt sich an ihren Jonathan. Sie wußte ihm so artig zu tun und zuletzt ihre Liebkosungen von der Puppe auf  unsern  Freund  herüberzutragen,  daß  auch  diesmal  wieder  ein  geringes  Spiel  die  Einleitung glücklicher Stunden ward. Aus der Süßigkeit ihrer zärtlichen Träume wurden sie durch einen Lärm geweckt, welcher auf der   Straße   entstand.   Mariane   rief   der   Alten,   die,   nach   ihrer   Gewohnheit   noch   fleißig,   die veränderlichen Materialien der Theatergarderobe zum Gebrauch des nächsten Stückes anzupassen beschäftigt  war.  Sie  gab  die  Auskunft,  daß  eben  eine  Gesellschaft  lustiger  Gesellen  aus  dem Italienerkeller  nebenan  heraustaumle,  wo  sie  bei  frischen  Austern,  die  eben  angekommen,  des Champagners nicht geschont hätten. »Schade«,  sagte  Mariane,  »daß  es  uns  nicht  früher  eingefa llen  ist,  wir  hätten  uns  auch  was zugute tun sollen.« »Es   ist   wohl   noch   Zeit«,   versetzte   Wilhelm   und   reichte   der   Alten   einen   Louisdor   hin. »Verschafft Sie uns, was wir wünschen, so soll Sie’s mit genießen.« Die Alte war behend, und in kurzer Zeit stand ein artig bestellter Tisch mit einer wohlgeordneten Kollation vor den Liebenden. Die Alte mußte sich dazusetzen; man aß, trank und ließ sich’s wohl sein. 7
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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