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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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geworden; endlich habe er eine Schüssel mit Ragout, anstatt sie auf den Tisch zu setzen, zwischen Mademoiselle und den Gast, die ziemlich nahe  zusammen gesessen, hineingeworfen, worauf ihm der Stallmeister ein paar tüchtige Ohrfeigen gegeben und ihn zur Türe hinausgeschmissen. Er, der Wirt habe darauf die beiden Personen säubern helfen, deren Kleider sehr  übel zugerichtet gewesen. Als der Knabe die gute Wirkung seiner Rache vernahm, fing er laut zu lachen an, indem ihm noch immer die Tränen an den Backen herunterliefen. Er freute sich einige Zeit herzlich, bis ihm der Schimpf, den ihm der Stärkere angetan, wieder einfiel, da er denn von neuem zu heulen und zu drohen anfing. Wilhelm  stand  nachdenklich  und  beschämt  vor  dieser  Szene.  Er  sah  sein  eignes  Innerstes  mit starken  und  übertriebenen  Zügen  dargestellt;  auch  er  war  von  einer  unüberwindlichen  Eifersucht entzündet;  auch  er,  wenn  ihn  der  Wohlstand  nicht  zurückgehalten  hätte,  würde  gern  seine  wilde Laune befriedigt, gern mit tückischer Schadenfreude den geliebten Gegenstand verletzt und seinen Nebenbuhler  ausgefordert  haben;  er  hätte  die  Menschen,  die  nur  zu  sei nem Verdrusse  dazusein schienen, vertilgen mögen. Laertes,   der   auch   herbeigekommen   war   und   die   Geschichte   vernommen   hatte,   bestärkte schelmisch den aufgebrachten Knaben, als dieser beteuerte und schwur: der Stallmeister müsse ihm Satisfaktion  geben,  er  habe  noch  keine  Beleidigung  auf  sich  sitzen  lassen;  weigere  sich  der Stallmeister, so werde er sich zu rächen wissen. Laertes war hier grade in seinem Fache. Er ging ernsthaft hinauf, den Stallmeister im Namen des Knaben herauszufordern. »Das ist lustig«, sagte dieser; »einen solchen Spaß hätte ich mir heut abend kaum vorgestellt.« Sie gingen hinunter, und Philine folgte ihnen. »Mein Sohn«, sagte der Stallmeister zu Friedrichen, »du bist ein braver Junge, und ich weigere mich nicht, mit dir zu fechten; nur da die Ungleichheit unsrer Jahre und Kräfte die Sache ohnehin etwas abenteuerlich macht, so schlage ich statt anderer Waffen ein Paar Rapiere vor; wir wollen die Knöpfe mit Kreide bestreichen, und wer dem andern den ersten oder die meisten Stöße auf den Rock zeichnet, soll für den Überwinder gehalten und von dem andern mit dem besten Weine, der in der Stadt zu haben ist, traktiert werden.« Laertes entschied, daß dieser Vorschlag angenommen werden könnte; Friedrich gehorchte ihm als seinem Lehrmeister. Die Rapiere kamen herbei, Philine setzte sich hin, strickte und sah beiden Kämpfern mit großer Gemütsruhe zu. Der  Stallmeister,  der  sehr  gut  focht,  war  gefällig  genug,  seinen  Gegner  zu  scho nen  und  sich einige   Kreidenflecke   auf   den   Rock   bringen   zu   lassen,   worauf   sie   sich   umarmten   und   Wein herbeigeschafft  wurde.  Der  Stallmeister  wollte  Friedrichs  Herkunft  und  seine  Geschichte  wissen, der  denn  ein  Märchen  erzählte,  das  er  schon  oft  wiederholt  hatte  und  mit  dem  wir  ein  andermal unsre Leser bekannt zu machen gedenken. In   Wilhelms   Seele   vollendete   indessen   dieser   Zweikampf   die   Darstellung   seiner   eigenen Gefühle: denn er konnte sich nicht leugnen, daß er  das Rapier, ja lieber noch einen Degen selbst gegen den Stallmeister zu führen wünschte, wenn er schon einsah, daß ihm dieser in der Fechtkunst weit überlegen sei. Doch würdigte er Philinen nicht eines Blicks, hütete sich vor jeder Äußerung, die seine Empfindung hätte verraten können, und eilte, nachdem er einigemal auf die Gesundheit der Kämpfer Bescheid getan, auf sein Zimmer,  wo sich tausend unangenehme Gedanken auf ihn zudrängten. Er  erinnerte  sich  der  Zeit,  in  der  sein  Geist  durch  ein  unbedingtes,  hoffnungsreiches  Streben emporgehoben   wurde,   wo   er   in   dem   lebhaftesten  Genusse  aller  Art  wie  in  einem  Elemente schwamm.  Es  ward  ihm  deutlich,  wie  er  letzt  in  ein  unbestimmtes  Schlendern  geraten  war,  in welchem  er  nur  noch  schlürfend  kostete,  was  er  sonst  mit  vollen  Zügen  eingesogen  hatte;  aber deutlich  konnte  er  nicht  sehen,  welches  unüberwindliche  Bedürfnis  ihm  die  Natur  zum  Gesetz gemacht  hatte  und  wie  sehr  dieses  Bedürfnis  durch  Umstände  nur  gereizt,  halb  befriedigt  und irregeführt worden war. Es darf also niemand wundern, wenn er bei Betrachtung seines Zustandes, und indem er sich aus demselben herauszudenken arbeitete, in die größte Verwirrung geriet. Es war nicht genug, daß er durch  seine  Freundschaft  zu  Laertes,  durch  seine  Neigung  zu  Philinen,  durch  seinen  Anteil  an 69
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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