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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Türe,   indem   er   nicht   undeutlich   zu   erkennen   gab,   daß   er   sich   nicht   lange   mehr   bei   so unfreundlichen und undankbaren Menschen aufhalten wolle. Er eilte verdrießlich hinunter, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor dem Tore seines Gasthofs stand, und bemerkte nicht, daß er halb aus Lust, halb aus Verdruß mehr als gewöhnlich getrunken hatte. Zwölftes Kapitel Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von mancherlei Gedanken, sitzend und vor sich hin sehend  zugebracht  hatte,  schlenderte  Philine  singend  zur  Haustüre  her aus,  setzte  sich  zu  ihm,  ja man dürfte beinahe sagen auf ihn, so nahe rückte sie an ihn heran, l ehnte sich auf seine Schultern, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn und gab ihm die besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er  möchte  ja  bleiben  und  sie  nicht  in  der  Gesellschaft  allein  lassen,  in  der  sie  vor  Langerweile sterben  müßte;  sie  könne  nicht  mehr  mit  Melina  unter  einem  Dache  ausdauern  und  habe  sich deswegen herüberquartiert. Vergebens  suchte  er  sie  abzuweisen,  ihr  begreiflich  zu  machen,  daß  er  länger  weder  bleiben könne noch dürfe. Sie ließ mit Bitten nicht ab, ja unvermutet schlang sie ihren Arm um seinen Hals und küßte ihn mit dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens. »Sind Sie toll, Philine?« rief Wilhelm aus, indem er sich loszumachen suchte, »die öffentliche Straße zum Zeugen solcher Liebkosungen zu machen, die ich auf keine Weise verdiene! Lassen Sie mich los, ich kann nicht und ich werde nicht bleiben.« »Und ich werde dich festhalten«, sagte sie, »und ich werde dich hier auf öffentlicher Gasse so lange küssen, bis du mir versprichst, was ich wünsche. Ich lache mich zu Tode«, fuhr sie fort; »nach dieser  Vertraulichkeit  halten  mich  die  Leute  gewiß  für  deine  Frau  von  vier  Wochen,  und  die Ehemänner,  die  eine  so  anmutige  Szene  sehen,  werden  mich  ihren  Weibern  als  ein  Muster  einer kindlich unbefangenen Zärtlichkeit anpreisen.« Eben  gingen  einige  Leute  vorbei,  und  sie  liebkoste  ihn  auf  das  anmutigste,  und  er,  um  kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle des geduldigen Ehemannes zu spielen. Dann schnitt sie  den  Leuten  Gesichter  im  Rücken  und  trieb  voll  Übermut  allerhand  Ungezogenheiten,  bis  er zuletzt versprechen mußte, noch heute und morgen und übermorgen zu bleiben. »Sie sind ein rechter Stock!« sagte sie darauf, indem sie von ihm abließ, »und ich eine Törin, daß ich so viel Freundlichkeit an Sie verschwende.« Sie stand verdrießlich auf und ging einige Schritte; dann kehrte sie lachend zurück und rief: »Ich glaube eben, daß ich darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und meinen Strickstrumpf holen, daß ich etwas zu tun habe. Bleibe ja, damit ich den steinernen Mann auf der steinernen Bank wiederfinde.« Diesmal tat sie ihm unrecht: denn sosehr er sich von ihr zu enthalten strebte, so würde er doch in diesem  Augenblicke,  hätte  er  sich  mit  ihr  in  einer einsamen Laube befunden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich nicht unerwidert gelassen haben. Sie ging, nachdem sie ihm einen leichtfertigen Blick zugeworfen, in das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr Betragen einen neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er sich, ohne selbst recht zu wissen warum, von der Bank, um ihr nachzugehen. Er war eben im Begriff, in die Türe zu treten, als Melina herbeikam, ihn bescheiden anredete und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart ausgesprochenen Ausdrücke um Verzeihung bat. »Sie nehmen mir nicht übel«, fuhr er fort, »wenn ich in dem Zustande, in dem ich mich befinde, mich vielleicht zu ängstlich bezeige; aber die Sorge für eine Frau, vielleicht bald für ein Kind, verhindert mich  von  einem  Tag  zum  andern,  ruhig  zu  leben  und  meine  Zeit  mit  dem  Genuß  angenehmer Empfindungen  hinzubringen,  wie  Ihnen  noch  erlaubt  ist.  Überdenken  Sie,  und  wenn  es  Ihnen möglich  ist,  so  setzen  Sie  mich  in  den  Besitz  der  theatralischen  Gerätschaften,  die  sich  hier vorfinden. Ich werde nicht lange Ihr Schuldner und Ihnen dafür ewig d ankbar bleiben.« 65
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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