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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Philinens Reize konnten die Unruhe unsers Freundes nicht ableiten. Er brachte einen traurigen, nachdenklichen Tag zu. Auch des Abends, da Springer und Tänzer alle ihre Kräfte aufboten, um sich dem Publiko aufs beste zu empfehlen, konnte sein Gemüt nicht erheitert und zerstreut werden. Durch den Zulauf aus benachbarten Ortschaften hatte die Anzahl der Menschen außerordentlich zugenommen, und so wälzte sich auch der Schneeball des Beifalls zu einer ungeheuren Größe. Der Sprung über die Degen und durch das Faß mit papiernen Böden machte eine große Sensation. Der starke Mann ließ zum allgemeinen Grausen, Entsetzen und Erstaunen, indem er sich mit dem Kopf und den Füßen auf ein Paar auseinandergeschobene Stühle legte, auf seinen hohlschwebenden Leib einen Amboß heben und auf demselben von einigen wackern Schmiedegesellen ein Hufeisen fertig schmieden. Auch war die sogenannte Herkulesstärke, da eine Reihe Männer, auf den Schultern einer ersten Reihe  stehend,  abermals  Frauen  und  Jünglinge  trägt,  so  daß  zuletzt  eine  lebendige  Py ramide entsteht, deren Spitze ein Kind, auf den Kopf gestellt, als Knopf und Wetterfahne ziert, in diesen Gegenden  noch  nie  gesehen  worden  und  endigte  würdig  das  ganze  Schauspiel.  Narziß  und Landrinette ließen sich in Tragsesseln auf den Schultern der übrigen durch die vornehmsten Straßen der Stadt unter lautem Freudengeschrei des Volks tragen. Man warf ihnen Bänder, Blumensträuße und seidene Tücher zu und drängte sich, sie ins Gesicht zu fassen. Jedermann schien glücklich zu sein, sie anzusehn und von ihnen eines Blickes gewürdigt zu werden. »Welcher  Schauspieler,  welcher  Schriftsteller,  ja  welcher  Mensch  überhaupt  würde  sich  nicht auf dem Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn er durch irgendein edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen Eindruck hervorbrächte? Welche köstliche Empfindung müßte es sein, wenn man gute,  edle,  der  Menschheit  würdige  Gefühle  ebenso  schnell  durch  einen  elektrischen  Schlag ausbreiten,  ein  solches  Entzücken  unter  dem  Volke  erregen  könnte,  als  diese  Leute  durch  ihre körperliche Geschicklichkeit getan haben; wenn man der Menge das Mitgefühl alles Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glücks und Unglücks, der Weisheit und Torheit, ja des Unsinns und der Albernheit entzünden, erschüttern und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte und reine Bewegung setzen könnte!« So sprach unser Freund, und da weder Philine noch Laertes gestimmt   schienen,   einen   solchen   Diskurs   fortzusetzen,   unterhielt   er   sich   allein   mit   diesen Lieblingsbetrachtungen,  als  er  bis  spät  in  die  Nacht  um  die  Stadt  spazierte  und  seinen  alten Wunsch,  das  Gute,  Edle,  Große  durch  das  Schauspiel  zu  versinnlichen,  wieder  einmal  mit  aller Lebhaftigkeit und aller Freiheit einer losgebundenen Einbildungskraft ve rfolgte. Funftes Kapitel Des andern Tages, als die Seiltänzer mit großem Geräusch abgezogen waren, fand sich Mignon sogleich  wieder  ein  und  trat  hinzu,  als  Wilhelm  und  Laertes  ihre  Fechtübungen  auf  dem  Saale fortsetzten. »Wo hast du gesteckt?« fragte Wilhelm freundlich, »du hast uns viel Sorge gemacht.« Das  Kind  antwortete  nichts  und  sah  ihn  an.  »Du  bist  nun  unser«,  rief  Laertes,  »wir  haben  dich gekauft.« – »Was hast du bezahlt?« fragte das  Kind ganz trocken. »Hundert Dukaten«, versetzte Laertes; »wenn du sie wiedergibst, kannst du frei sein.« – »Das ist wohl viel?« fragte das Kind. »O ja, du magst dich nur gut aufführen.« – »Ich will dienen«, versetz te sie. Von dem Augenblicke an merkte sie genau, was der Kellner den beiden Freunden für Dienste zu leisten hatte, und litt schon des andern Tages nicht mehr, daß er ins Zimmer kam. Sie wollte alles selbst tun und machte auch ihre Geschäfte, zwar langsam und mitunter unbehülflich, doch genau und mit großer Sorgfalt. Sie stellte sich oft an ein Gefäß mit Wasser und wusch ihr Gesicht mit so großer Emsigkeit und Heftigkeit, daß sie sich fast die Backen aufrieb, bis Laertes durch Fragen und Necken erfuhr, daß sie die Schminke von ihren Wangen auf alle Weise loszuwerden suche und über dem Eifer, womit 51
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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