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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Laertes  an  ähnliche  Fälle;  sie  kamen  in  den  Gang,  lustige  Geschichten,  Mißverständnisse  und Prellereien zu erzählen. Ein junger Mann von ihrer Bekanntschaft aus der Stadt kam mit einem Buche durch den Wald geschlichen, setzte sich zu ihnen und rühmte den schönen Platz. Er machte sie auf das Rieseln der Quelle, auf die Bewegung der Zweige, auf die einfallenden Lichter und auf den Gesang der Vögel aufmerksam. Philine sang ein Liedchen vom Kuckuck, welches dem Ankömmling nicht zu behagen schien; er empfahl sich bald. »Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturszenen hören sollte«, rief Philine aus, als er weg war; »es ist nichts unerträglicher, als sich das Vergnügen vorrechnen zu lassen, das man genießt. Wenn schön Wetter ist, geht man spazieren, wie man tanzt, wenn aufgespielt wird. Wer mag aber nur einen Augenblick an die Musik, wer ans schöne Wetter denken? Der Tänzer interessiert uns, nicht die Violine, und in ein Paar schöne schwarze Augen zu sehen, tut einem Paar blauen Augen gar zu wohl. Was sollen dagegen Quellen und Brunnen und alte, morsche Linden!« Sie sah, indem sie  so  sprach,  Wilhelmen,  der  ihr  gegenüber  saß,  mit  einem  Blick  in  die  Augen,  dem  er  nicht wehren konnte, wenigstens bis an die Türe seines Herzens vorzudringen . »Sie  haben  recht«,  versetzte  er  mit  einiger  Verlegenheit,  »der  Mensch  ist  dem  Menschen  das Interessanteste und sollte ihn vielleicht ganz allein interessieren. Alles andere, was uns umgibt, ist entweder nur Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, dessen wir uns bedienen. Je mehr wir uns dabei  aufhalten,  je  mehr  wir  darauf  merken  und  teil  daran  nehmen,  desto  schwächer  wird  das Gefühl  unsers  eignen  Wertes  und  das  Gefühl  der  Gesellschaft.  Die  Menschen,  die  einen  großen Wert  auf  Gärten,  Gebäude,  Kleider,  Schmuck  oder  irgend  ein  Besitztum  legen,  sind  weniger gesellig  und  gefällig;  sie  verlieren  die  Menschen  aus  den  Augen,  welc he  zu  erfreuen  und  zu versammeln  nur  sehr  wenigen  glückt.  Sehn  wir  es  nicht  auch  auf  dem  Theater?  Ein  guter Schauspieler  macht  uns  bald  eine  elende,  unschickliche  Dekoration  vergessen,  dahingegen  das schönste Theater den Mangel an guten Schauspielern erst recht fühl bar macht.« Nach Tische setzte Philine sich in das beschattete hohe Gras. Ihre beiden Freunde mußten ihr Blumen  in  Menge  herbeischaffen.  Sie  wand  sich  einen  vollen  Kranz  und  setzte  ihn  auf;  sie  sah unglaublich reizend aus. Die Blumen reichten noch zu einem andern hin; auch den flocht sie, indem sich beide Männer neben sie setzten. Als er unter allerlei Scherz und Anspielungen fertig geworden war, drückte sie ihn Wilhelmen mit der größten Anmut aufs Haupt und rückte ihn mehr als einmal anders, bis er recht zu sitzen schien. »Und ich werde, wie es scheint , leer ausgehen«, sagte Laertes. »Mitnichten«,  versetzte  Philine.  »Ihr  sollt  Euch  keineswegs  bek lagen.«  Sie  nahm ihren  Kranz vom Haupte und setzte ihn Laertes auf. »Wären  wir  Nebenbuhler«,  sagte  dieser,  »so  würden  wir  sehr  heftig  streiten  können,  welchen von beiden du am meisten begünstigst.« »Da wärt ihr rechte Toren«, versetzte sie, indem sie sich zu ihm hinüberbog und ihm den Mund zum  Kuß  reichte,  sich  aber  sogleich  umwendete,  ihren  Arm  um  Wilhelmen  schlang  und  einen lebhaften Kuß auf seine Lippen drückte. »Welcher schmeckt am besten?« fragte sie neckisch. »Wunderlich!«  rief  Laertes.  »Es  scheint,  als  wenn  so  etwas  niemals  nach  Wermut  schmecken könne.« »Sowenig«, sagte Philine, »als irgend eine Gabe, die jemand ohne Neid und Eigensinn genießt. Nun hätte ich«, rief sie aus, »noch Lust, eine Stunde zu tanzen, und dann müssen wir wohl wieder nach unsern Springern sehen.« Man ging nach dem Hause und fand Musik daselbst. Philine, die eine gute Tänzerin war, belebte ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war nicht ungeschickt, allein es fehlte ihm an einer künstlichen Übung. Seine beiden Freunde nahmen sich vor, ihn zu unterrichten. Man verspätete sich. Die Seiltänzer hatten ihre Künste schon zu  produzieren angefangen. Auf dem Platze hatten sich viele Zuschauer eingefunden, doch war unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein  Getümmel  merkwürdig,  das  eine  große  Anzahl  Menschen  nach  dem  Tore  des  Gasthofes,  in welchem Wilhelm eingekehrt war, hingezogen hatte. Wilhelm sprang hinüber, um zu sehen, was es sei,   und   mit   Entsetzen   erblickte   er,   als   er   sich   durchs   Volk   drängte,   den   Herrn   der 49
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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