Title:

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Home
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeitlang sehr emsig fortgelebt und sich überzeugt, daß jene harte Prüfung vom Schicksale zu seinem Besten veranstaltet worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich beizeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt daß andere später und   schwerer   die   Mißgriffe   büßen,   wozu   sie   ein   jugendlicher   Dünkel   verleitet   hat.   Denn gewöhnlich  wehrt  sich  der  Mensch  so  lange,  als  er  kann,  den  Toren,  de n  er  im Busen  hegt,  zu verabschieden  einen  Hauptirrtum  zu  bekennen  und  eine  Wahrheit  einzugestehen,  die  ihn  zur Verzweiflung bringt. So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu entsagen, so war doch einige Zeit nötig, um ihn von seinem Unglücke völlig zu überzeugen. Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des poetischen Hervorbringens und der persönlichen Darstellung mit triftigen Gründen so ganz in sich  vernichtet,  daß  er  Mut  faßte,  alle  Spuren  seiner  Torheit,  alles,  was  ihn  irgend  noch  daran erinnern  könnte,  völlig  auszulöschen.  Er  hatte  daher  an  einem  kühlen  Abende  ein  Kaminfeuer angezündet  und  holte  ein  Reliquienkästchen  hervor,  in  welchem  sich  hunderterlei  Kleinigkeiten fanden, die er in bedeutenden Augenblicken von Marianen erhalten oder derselben geraubt hatte. Jede vertrocknete Blume erinnerte ihn an die Zeit, da sie noch frisch in ihren Haaren blühte; jedes Zettelchen an die glückliche Stunde, wozu sie ihn dadurch einlud; jede Schleife an den lieblichen Ruheplatz seines Hauptes, ihren schönen Busen. Mußte nicht auf diese Weise jede Empfindung, die er schon lange getötet glaubte, sich wieder zu  bewegen anfangen? Mußte nicht die Leidenschaft, über  die  er,  abgeschieden  von  seiner  Geliebten,  Herr  geworden  war,  in  der  Gegenwart  dieser Kleinigkeiten  wieder  mächtig  werden?  Denn  wir  merken  erst,  wie  traurig  und  unangenehm  ein trüber Tag ist, wenn ein einziger durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden Glanz einer heitern Stunde darstellt. Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange bewahrten Heiligtümer nacheinander in Rauch und Flamme vor sich aufgehen. Einigemal hielt er zaudernd inne und hatte noch eine Perlenschnur und ein flornes Halstuch übrig, als er sich entschloß, mit den dichterischen Versuchen seiner Jugend das abnehmende Feuer wieder aufzufrischen. Bis  jetzt  hatte  er  alles  sorgfältig  aufgehoben,  was  ihm,  von  der  frühesten  Entwicklung  seines Geistes an, aus der Feder geflossen war. Noch lagen seine Schriften in Bündel gebunden auf dem Boden des Koffers, wohin er sie gepackt hatte, als er sie auf seiner Flucht mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders eröffnete er sie jetzt, als er sie damals zusammenband! Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen Umständen geschrieben und gesiegelt haben, der aber den Freund, an den er gerichtet war, nicht antrifft, sondern wieder zu uns zurückgebracht wird, nach  einiger  Zeit  eröffnen,  überfällt  uns  eine  sonderbare  Empfindung,  indem  wir  unser  eignes Siegel erbrechen und uns mit unserm veränderten Selbst wie mit einer dritten Person unterhalten. Ein ähnliches Gefühl ergriff mit Heftigkeit unsern Freund, als er das erste Paket eröffnete und die zerteilten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltsam aufloderten, als Werner hereintrat, sich über die lebhafte Flamme verwunderte und fragte, was hier vorgehe. »Ich gebe einen Beweis«, sagte Wilhelm,« daß es mir Ernst sei, ein Handwerk aufzugeben, wozu ich  nicht  geboren  ward«;  und  mit  diesen  Worten  warf  er  das  zweite  Paket  in  das  Feuer.  Werner wollte ihn abhalten, allein es war geschehen. »Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Extrem kommst«, sagte dieser. »Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vortrefflich sind, gar vernichtet werden?« »Weil ein Gedicht entweder vortrefflich sein oder gar nicht existieren soll; weil jeder, der keine Anlage  hat,  das  Beste  zu  leisten,  sich  der  Kunst  enthalten  und  sich  vor   jeder  Verführung  dazu ernstlich   in   acht   nehmen   sollte.   Denn   freilich   regt   sich   in   jedem   Menschen   ein   gewisses unbestimmtes Verlangen, dasjenige, was er sieht, nachzuahmen; aber dieses Verlangen beweist gar nicht, daß auch die Kraft in uns wohne, mit dem, was wir unternehmen, zustande zu kommen. Sieh nur die Knaben an, wie sie jedesmal, sooft Seiltänzer in der Stadt gewesen, auf allen Planken und Balken hin und wider gehen und balancieren, bis ein anderer Reiz sie wieder zu einem ähnlichen Spiele hinzieht. Hast du es nicht in dem Zirkel unsrer Freunde bemerkt? Sooft sich ein Virtuose hören  läßt,  finden  sich  immer  einige,  die  sogleich  dasselbe  Instrument  zu  lernen  anfangen.  Wie 39
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsges...
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Einführung in das Bürgerliche Recht: Grundku...
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/G/goethe

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  Home  |  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum