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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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kümmerliche Unterhaltung. Erst als er wieder besser wurde, das heißt, als seine Kräfte erschöpft waren, sah Wilhelm mit Entsetzen in den qualvollen Abgrund eines dürren Elendes hinab, wie man in den ausgebrannten, hohlen Becher eines Vulkans hinunterblickt. Nunmehr  machte  er  sich  selbst  die  bittersten  Vorwürfe,  daß  er  nach  so  großem  Verlust  noch einen schmerzenlosen, ruhigen, gleichgültigen Augenblick haben könne. Er verachtete sein eigen Herz und sehnte sich nach dem Labsal des Jammers und der Tränen. Um diese wieder in sich zu erwecken, brache er vor sein Andenken alle Szenen des vergangenen Glücks. Mit der größten Lebhaftigkeit malte er sie sich aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er  sich  zur  möglichsten  Höhe  hinaufgearbeitet  hatte,  wenn  ihm  der  Sonnenschein  voriger  Tage wieder die Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien, sah er rückwärts auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an der zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter und erzwang von der Natur  die  bittersten  Schmerzen.  Mit  so  wiederholter  Grausamkeit  zerriß  er  sich  selbst;  denn  die Jugend, die so reich an eingehüllten Kräften ist, weiß nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz,  den  ein  Verlust  erregt,  noch  so  viele  erzwungene  Leiden  zugesellt,  als  wollte  sie  dem Verlornen  dadurch  noch  erst  einen  rechten  Wert  geben.  Auch  war  er  so  überzeugt,  daß  dieser Verlust der einzige, der erste und letzte sei, den er in seinem Leben empfinden könne, daß er jeden Trost verabscheute, der ihm diese Leiden als endlich vorzustellen unternahm. Zweites Kapitel Gewöhnt, auf diese Weise sich selbst zu quälen, griff er nun auch das übrige, was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die größten Freuden und Hoffnungen gegeben hatte, sein Talent als Dichter und Schauspieler, mit hämischer Kritik von allen Seiten an. Er sah in seinen Arbeiten nichts als eine geistlose Nachahmung einiger hergebrachten Formen, ohne innern Wert; er wollte darin nur steife Schulexerzitien  erkennen,  denen  es  an  jedem  Funken  von  Naturell,  Wahrheit  und  Begeisterung fehle.  In  seinen  Gedichten  fand  er  nur  ein  monotones  Silbenmaß,  in  welchem,  durch  einen armseligen    Reim    zusammengehalten,    ganz    gemeine    Gedanken    und    Empfindungen    sich hinschleppten; und so behahm er sich auch jede Aussicht, jede Lust, die ihn von dieser Seite noch allenfalls hätte wieder aufrichten können. Seinem Schauspielertalente ging es nicht besser. Er schalt sich, daß er nicht früher die Eitelkeit entdeckt,   die   allein   dieser   Anmaßung   zum   Grunde   gelegen.   Seine   Figur,   sein   Gang,   seine Bewegung und Deklamation mußten herhalten; er sprach sich jede Art von Vorzug, jedes Verdienst, das  ihn  über  das  Gemeine  emporgehoben  hätte,  entscheidend  ab  und  vermehrte  seine  stumme Verzweiflung dadurch auf den höchsten Grad. Denn wenn es hart ist, der Liebe eines Weibes zu entsagen,  so  ist  die  Empfindung  nicht  weniger  schmerzlich,  von  dem  Umgange  der  Musen  sich loszureißen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer unwürdig zu erklären und auf den schönsten und nächsten  Beifall,  der  unsrer  Person,  unserm  Betragen,  unsrer  Stimme  öffentlich  gegeben  wird, Verzicht zu tun. So  hatte  sich  denn  unser  Freund  völlig  resigniert  und  sich  zugleich  mit  großem  Eifer  den Handelsgeschäften gewidmet. Zum Erstaunen seines Freundes und zur größten Zufriedenheit seines Vaters  war  niemand  auf  dem  Comptoir  und  der  Börse,  in  Laden  und  Gewölbe  tätiger  als  er; Korrespondenz und Rechnungen, und was ihm aufgetragen wurde, besorgte und verrichtete er mit größtem  Fleiß  und  Eifer.  Freilich  nicht  mit  dem  heitern  Fleiße,  der  zugleich  dem  Geschäftigen Belohnung  ist,  wenn  wir  dasjenige,  wozu  wir  geboren  sind,  mit  Ordnung  und  Folge  verrichten, sondern  mit  dem  stillen  Fleiße  der  Pflicht,  der  den  besten  Vorsatz  zum  Grunde  hat,  der  durch Überzeugung  genährt  und  durch  ein  innres  Selbstgefühl  belohnt  wird;  der  aber  doch  oft,  selbst dann, wenn ihm das schönste Bewußtsein die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer kaum zu ersticken vermag. 38
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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