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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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das Kleid, das er am selbigen Tage angehabt; sie  behauptete, daß er ihr damals vor allen andern gefallen und daß sie seine Bekanntschaft gewünscht habe. Wie gern glaubte Wilhelm das alles! Wie gern ließ er sich überreden, daß sie zu ihm, als er sich ihr genähert, durch einen unwiderstehlichen Zug  hingeführt worden, daß sie absichtlich zwischen die Kulissen neben ihn getreten sei, um ihn näher zu sehen und Bekanntschaft mit ihm zu machen, und  daß  sie  zuletzt,  da  seine  Zurückhaltung  und  Blödigkeit  nicht  zu  überwinden  gewesen,  ihm selbst Gelegenheit gegeben und ihn gleichsam genötigt habe, ein Glas Limonade herbeizuholen. Unter diesem liebevollen Wettstreit, den sie durch alle kleinen Umstände ihres kurzen Romans verfolgten,  vergingen  ihnen  die  Stunden  sehr  schnell,  und  Wilhelm  verließ  völlig  beruhigt  seine Geliebte mit dem festen Vorsatze, sein Vorhaben unverzüglich ins Werk zu richten. Sechzehntes Kapitel Was zu seiner Abreise nötig war, hatten Vater und Mutter besorgt; nur einige Kleinigkeiten, die an  der  Equipage  fehlten,  verzögerten  seinen  Aufbruch  um  einige  Tage.  Wilhelm  benutzte  diese Zeit, um an Marianen einen Brief zu schreiben, wodurch er die Angelegenheit endlich zur Sprache bringen   wollte,   über   welche   sie   sich   mit   ihm  zu  unterhalten  bisher  immer  vermieden  hatte. Folgendermaßen lautete der Brief: »Unter der lieben Hülle der Nacht, die mich sonst in deinen Armen bedeckte, sitze ich und denke und schreibe an dich, und was ich sinne und treibe, ist nur um deinetwillen. O Mariane! mir, dem glücklichsten  unter  den  Männern,  ist  es  wie  einem  Bräutigam,  der  ahnungsvoll,  welch  eine  neue Welt sich in ihm und durch ihn entwickeln wird, auf den festlichen Teppichen steht und während der  heiligen  Zeremonien  sich  gedankenvoll  lüstern  vor  die  geheimnisreichen  Vorhänge  versetzt, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegensäuselt. Ich habe über mich gewonnen, dich in einigen Tagen nicht zu sehen; es war leicht in Hoffnung einer   solchen   Entschädigung,   ewig   mit   dir   zu   sein,   ganz   der   Deinige   zu   bleiben!   Soll   ich wiederholen, was ich wünsche? Und doch ist es nötig; denn es scheint, als habest du mich bisher nicht verstanden. Wie  oft  habe  ich  mit  leisen  Tönen  der  Treue,  die,  weil  sie  alles  zu  halten  wünscht,  wenig  zu sagen   wagt,   an   deinem   Herzen   geforscht   nach   dem   Verlangen   einer   ewigen   Verbindung. Verstanden hast du mich gewiß: denn in deinem Herzen muß ebender Wunsch keimen; vernommen hast du mich in jedem Kusse, in der anschmiegsamen Ruhe jener glücklichen Abende. Da lernt ich deine Bescheidenheit kennen, und wie vermehrte sich meine Liebe! Wo eine andere sich künstlich betragen   hätte,   um   durch   überflüssigen   Sonnenschein   einen   Entschluß;   in   dem   Herzen   ihres Liebhabers zur Reife zu bringen, eine Erklärung hervorzulocken und ein Versprechen zu befestigen, eben da ziehst du dich zurück, schließest die halbgeöffnete Brust deines Geliebten wieder zu und suchst   durch   eine   anscheinende   Gleichgültigkeit   deine   Beistimmung   zu   verbergen;   aber   ich verstehe   dich!   Welch   ein   Elender   müßte   ich   sein,   wenn   ich   an   diesen   Zeichen   die   reine, uneigennützige,  nur  für  den  Freund  besorgte  Liebe  nicht  erkennen  wollte!  Vertraue  mir  und  sei ruhig!  Wir  gehören  einander  an,  und  keins  von  beiden  verläßt  oder  verliert  etwas,  wenn  wir füreinander leben. Nimm  sie  hin,  diese  Hand!  feierlich  noch  dies  überflüssige  Zeichen!  Alle  Freuden  der  Liebe haben wir empfunden, aber es sind neue Seligkeiten in dem bestätigten Gedanken der Dauer. Frage nicht, wie? Sorge nicht! Das Schicksal sorgt für die Liebe, und um so gewisser, da Liebe genügsam ist. Mein Herz hat schon lange meiner Eltern Haus verlassen; es ist bei dir, wie mein Geist auf der Bühne  schwebt.  O  meine  Geliebte!  Ist  wohl  einem  Menschen  so  gewährt,  seine  Wünsche  zu 31
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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