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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Arbeiters erscheint und ihm zugleich andeutet, daß das Metall nunmehr von allen fremden Zusätzen gereiniget sei. Wie  sehr  stutzte  er  daher  anfangs,  wenn  er  sich  bei  seiner  Geliebten  befand  und  durch  den glücklichen Nebel, der ihn umgab, nebenaus auf Tische, Stühle und Boden sah. Die Trümmer eines augenblicklichen, leichten und falschen Putzes lagen, wie das glänzende Kleid eines abgeschuppten Fisches zerstreut in wilder Unordnung durcheinander. Die Werkzeuge menschlicher Reinlichkeit, als  Kämme,  Seife,  Tücher,  waren  mit  den  Spuren  ihrer  Bestimmung  gleichfalls  nicht  versteckt. Musik, Rollen und Schuhe, Wäsche und italienische Blumen, Etuis, Haarnadeln, Schminktöpfchen und Bänder, Bücher und Strohhüte, keines verschmähte die Nachbarschaft des andern, alle waren durch  ein  gemeinschaftliches  Element,  durch  Puder  und  Staub,  vereinigt.  Jedoch  da  Wilhelm  in ihrer  Gegenwart  wenig  von  allem  andern  bemerkte,  ja  vielmehr  ihm  alles,  was  ihr  gehörte,  sie berührt hatte, lieb werden mußte, so fand er zuletzt in dieser verworrenen Wirtschaft einen Reiz, den er in seiner stattlichen Prunkordnung niemals empfunden hatte. Es war ihm – wenn er hier ihre Schnürbrust  wegnahm,  um  zum  Klavier  zu  kommen,  dort  ihre  Röcke  aufs  Bette  legte,  um  sich setzen  zu  können,  wenn  sie  selbst  mit  unbefangener  Freimütigkeit  manches  Natürliche,  das  man sonst gegen einen andern au Anstand zu verheimlichen pflegt, vor ihm nicht zu verbergen suchte – es  war  ihm,  sag  ich,  als  wenn  er  ihr  mit  jedem  Augenblicke  näher  würde,  als  wenn  eine Gemeinschaft zwischen ihnen durch unsichtbare Bande befestigt würde. Nicht ebenso leicht konnte er die Aufführung der übrigen Schauspieler, die er bei seinen ersten Besuchen  manchmal  bei  ihr  antraf,  mit  seinen  Begriffen  vereinigen.  Geschäftig  im  Müßiggange, schienen sie an ihren Beruf und Zweck am wenigsten zu denken; über den poetischen Wert eines Stückes hörte er sie niemals reden und weder richtig noch unrichtig darüber urteilen; es war immer nur die Frage: »Was wird das Stück machen? Ist es ein Zugstück? Wie lange wird es spielen? Wie oft  kann  es  wohl  gegeben  werden?«  und  was  Fragen  und  Bemerkungen  dieser  Art  mehr  waren. Dann ging es gewöhnlich auf den Direktor los, daß er mit der Gage zu karg und besonders gegen den einen und den andern ungerecht sei, dann auf das Publikum, daß es mit seinem Beifall selten den rechten Mann belohne, daß das deutsche Theater sich täglich verbessere, daß der Schauspieler nach  seinen  Verdiensten  immer  mehr  geehrt  werde  und  nicht  genug  geehrt  werden  könne.  Dann sprach man viel von Kaffeehäusern und Weingärten und was daselbst vorgefallen, wieviel irgendein Kamerad Schulden habe und Abzug leiden müsse, von Disproportion der wöchentlichen Gage, von Kabalen einer Gegenpartei; wobei denn doch zuletzt die große und verdiente Aufmerksamkeit des Publikums wieder in Betracht kam und der Einfluß des Theaters auf die Bildung einer Nation und der Welt nicht vergessen wurde. Alle diese Dinge, die Wilhelmen sonst schon manche unruhige Stunde gemacht hatten, kamen ihm  gegenwärtig  wieder  ins  Gedächtnis,  als  ihn  sein  Pferd  langsam  nach  Hause  trug  und  er  die verschiedenen  Vorfälle,  die  ihm  begegnet  waren,  überlegte.  Die  Bewegung,  welche  durch  die Flucht eines Mädchens in eine gute Bürgerfamilie, ja in ein ganzes Städtchen gekommen war, hatte er mit Augen gesehen; die Szenen auf der Landstraße und im Amthause, die Gesinnungen Melinas, und was sonst noch vorgegangen war, stellten sich ihm wieder dar und brachten seinen lebhaften, vordringenden Geist in eine Art von sorglicher Unruhe, die er nicht lange ertrug, sondern seinem Pferde die Sporen gab und nach der Stadt zu eilte. Allein auch auf diesem Wege rannte er nur neuen Unannehmlichkeiten entgegen. Werner, sein Freund   und   vermutlicher   Schwager,   wartete   auf   ihn,   um   ein   ernsthaftes,   bedeutendes   und unerwartetes Gespräch mit ihm anzufangen. Werner war einer von den geprüften, in ihrem Dasein bestimmten Leuten, die man gewöhnlich kalte Leute zu nennen pflegt, weil sie bei Anlässen weder schnell noch sichtlich auflodern; auch war  sein  Umgang  mit  Wilhelmen  ein  anhaltender  Zwist, wodurch sich ihre Liebe aber nur desto fester  knüpfte:  denn  ungeachtet  ihrer  verschiedenen  Denkungsart  fand   jeder  seine  Rechnung  bei dem andern. Werner tat sich darauf etwas zugute, daß er dem vortrefflichen, obgleich gelegentlich ausschweifenden Geist Wilhelms mitunter Zügel und Gebiß anzulegen schien, und Wilhelm fühlte oft einen herrlichen Triumph, wenn er seinen bedächtlichen Freund in warmer Aufwallung mit sich fortnahm. So übte sich einer an dem andern, sie wurden gewohnt, sich täglich zu sehen, und man 29
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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