Title:

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Home
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

Funfzehntes Kapitel Glückliche Jugend! Glückliche Zeiten des ersten Liebesbedürfnisses! Der Mensch ist dann wie ein Kind, das sich am Echo stundenlang ergötzt, die Unkosten des Gespräches allein trägt und mit der Unterhaltung wohl zufrieden ist, wenn der unsichtbare Gegenpart auch nur die letzten Silben der ausgerufenen Worte wiederholt. So  war  Wilhelm  in  den  frühern,  besonders  aber  in  den  spätern  Zeiten  seiner  Leidenschaft  für Marianen, als er den ganzen Reichtum seines Gefühls auf sie hinübertrug und sich dabei als einen Bettler ansah, der von ihren Almosen lebte. Und wie uns eine Gegend reizender, ja allein reizend vorkommt, wenn sie von der Sonne beschienen wird, so war auch alles in seinen Augen verschönert und verherrlicht, was sie umgab, was sie berührte. Wie  oft  stand  er  auf  dem  Theater  hinter  den  Wänden,  wozu  er  sich  das  Privilegium  von  dem Direktor erbeten hatte! Dann war freilich die perspektivische Magie verschwunden, aber die viel mächtigere  Zauberei  der  Liebe  fing  erst  an  zu  wirken.  Stundenlang  konnte  er  am  schmutzigen Lichtwagen  stehen,  den  Qualm  der  Unschlittlampen  einziehen,  nach  der  Geliebten  hinausblicken und,  wenn  sie  wieder  hereintrat  und  ihn  freundlich  ansah,  sich  in  Wonne  verloren  dicht  an  dem Balken-  und  Lattengerippe  in  einen  paradiesischen  Zustand  versetzt  fühlen.  Die  ausgestopften Lämmchen, die Wasserfälle von Zindel, die pappenen Rosenstöcke und die einseitigen Strohhütten erregten  in  ihm  liebliche  dichterische  Bilder  uralter  Schäferwelt.  Sogar  die  in  der  Nähe  häßlich erscheinenden Tänzerinnen waren ihm nicht immer zuwider, weil sie auf einem Brette mit seiner Vielgeliebten standen. Und so ist es gewiß, daß Liebe, welche Rosenlauben, Myrtenwäldchen und Mondschein  erst  beleben  muß,  auch  sogar  Hobelspänen  und  Papierschnitzeln  einen  Anschein belebter Naturen geben kann. Sie ist eine so starke Würze, daß selbst schale und ekle Brühen davon schmackhaft werden. Solch einer Würze bedurft es freilich, um jenen Zustand leidlich, ja in der Folge angenehm zu machen, in welchem er gewöhnlich ihre Stube, ja gelegentlich sie selbst antraf. In  einem  feinen  Bürgerhause  erzogen,  war  Ordnung  und  Reinlichkeit  das  Element,  worin  er atmete,  und  indem  er  von  seines  Vaters  Prunkliebe  einen  Teil  geerbt  hatte,  wußte  er  in  den Knabenjahren  sein  Zimmer,  das  er  als  sein  kleines  Reich  ansah,  stattlich  auszustaffieren.  Seine Bettvorhänge  waren  in  große  Falten  aufgezogen  und  mit  Quasten  befestigt,  wie  man  Thronen vorzustellen pflegt; er hatte sich einen Teppich in die Mitte des Zimmers und einen feinern auf den Tisch anzuschaffen gewußt; seine Bücher und Gerätschaften legte und stellte er fast mechanisch so, daß ein niederländischer Maler gute Gruppen zu seinen Stilleben hätte herausnehmen können. Eine weiße Mütze hatte er wie einen Turban zurechtgebunden und die Ärmel seines Schlafrocks nach orientalischem Kostüme kurz stutzen lassen. Doch gab er hiervon die Ursache an, daß die langen, weiten Ärmel ihn im Schreiben hinderten. Wenn er abends ganz allein war und nicht mehr fürchten durfte,  gestört  zu  werden,  trug  er  gewöhnlich  eine  seidene  Schärpe  um  den  Leib,  und  er  soll manchmal einen Dolch, den er sich aus einer alten Rüstkammer zugeeignet, in den Gürtel gesteckt und  so  die  ihm  zugeteilten  tragischen  Rollen  memoriert  und  probiert,  ja  in  ebendem  Sinne  sein Gebet kniend auf dem Teppich verrichtet haben. Wie glücklich pries er daher in früheren Zeiten den Schauspieler, den er im Besitz so mancher majestätischen  Kleider,  Rüstungen  und  Waffen  und  in  steter  Übung  eines  edlen  Betragens  sah, dessen  Geist  einen  Spiegel  des  Herrlichsten  und  Prächtigsten,  was  die  Welt  an  Verhältnissen, Gesinnungen und Leidenschaften hervorgebracht, darzustellen schien. Ebenso dachte sich Wilhelm auch  das  häusliche  Leben  eines  Schauspielers  als  eine  Reihe  von  würdigen  Handlungen  und Beschäftigungen,  davon  die  Erscheinung  auf  dem  Theater  die  äußerste  Spitze  sei,  etwa  wie  ein Silber, das vom Läuterfeuer lange herumgetrieben worden, endlich farbig-schön vor den Augen des 28
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/G/goethe

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  Home  |  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum