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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Der  Abbé  verkündigte  der  Gesellschaft  die  Ankunft  des  Marchese.  »Sie  sind  zwar,  wie  es scheint«,  sagte  er  zu  Wilhelmen,  »mit  Ihrem  Knaben  allein  abzureisen  entschlossen;  lernen  Sie jedoch wenigstens diesen Mann kennen, der Ihnen, wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle Fälle nützlich sein kann.« Der Marchese erschien; es war ein Mann noch nicht hoch in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gefälligen lombardischen Figuren. Er hatte als Jüngling mit dem Oheim, der schon um vieles älter war, bei der Armee, dann in Geschäften Bekanntschaft gemacht; sie hatten nachher einen großen Teil von Italien zusammen durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier  wiederfand,  waren  zum  großen  Teil  in  seiner  Gegenwart  und  unter  manchen  glücklichen Umständen, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft und angeschafft worden. Der  Italiener  hat  überhaupt  ein  tieferes  Gefühl  für  die  hohe  Würde  der  Kunst  als  andere Nationen;  jeder,  der  nur  irgend  etwas  treibt,  will  Künstler,  Meister  und  Professor  heißen  und bekennt wenigstens durch diese Titelsucht, daß es nicht genug sei, nur etwas durch Überlieferung zu erhaschen oder durch Übung irgendeine Gewandtheit zu erlangen; er gesteht, daß jeder vielmehr über das, was er tut, auch fähig sein solle zu denken, Grundsätze aufzustellen und die Ursachen, warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern deutlich zu machen. Der Fremde ward gerührt, so schöne Besitztümer ohne den Besitzer wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den vortrefflichen Hinterlassenen sprechen zu hören. Sie gingen die verschiedenen  Werke  durch  und  fanden  eine  große  Behaglichkeit,  sich  einander  verstä ndlich machen zu können. Der Marchese und der Abbé führten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres Oheims versetzt fühlte, wußte sich sehr gut in ihre Meinungen und Gesinnungen zu  finden;  Wilhelm  mußte  sich’s  in  theatralische  Terminologie  übersetzen,  wenn  er  etwas  davon verstehen  wollte.  Man  hatte  Not,  Friedrichs  Scherze  in  Schranken  zu  halten.  Jarno  war  selten zugegen. Bei der Betrachtung, daß vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit so selten seien, sagte der Marchese: »Es läßt sich nicht leicht denken und übersehen, was die Umstände für den Künstler tun müssen, und dann sind bei dem größten Genie, bei dem entschiedensten Talente noch immer die Forderungen  unendlich,  die  er  an  sich  selbst  zu  machen  hat,  unsäglich  der  Fleiß,  der  zu  seiner Ausbildung nötig ist. Wenn nun die Umstände wenig für ihn tun, wenn er bemerkt, daß die Welt sehr leicht zu befriedigen ist und selbst nur einen leichten, gefälligen, behaglichen Schein begehrt, so wäre es zu verwundern, wenn nicht Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem Mittelmäßigen festhielten; es wäre seltsam, wenn er nicht lieber für Modewaren Geld und Lob eintauschen als den rechten Weg wählen sollte, der ihn mehr oder weniger zu einem kümmerlichen Märtyrertum führt. Deswegen bieten die Künstler unserer Zeit nur immer an, um niemals zu geben. Sie wollen immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist  nur angedeutet, und man findet nirgends Grund noch Ausführung. Man darf aber auch nur eine Zeitlang ruhig in einer Galerie verweilen und beobachten, nach  welchen  Kunstwerken  sich  die  Menge  zieht,  welche  gepriesen  und  welche  vernachlässigt werden, so hat man wenig Lust an der Gegenwart und für die Zukunft wenig Hoffnung.«   »Ja«,  versetzte  der  Abbé,  »und  so  bilden  sich  Liebhaber  und  Künstler  wechselsweise;  der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten Genuß; das Kunstwerk soll ihm ungefähr wie ein  Naturwerk  behagen,  und  die  Menschen  glauben,  die  Organe,  ein  Kunstwerk  zu  genießen, bildeten sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile über ein Kunstwerk wie  über  eine  Speise.  Sie  begreifen  nicht,  was  für  einer  andern  Kultur  es  bedarf,  um  sich  zum wahren  Kunstgenusse  zu  erheben.  Das  Schwerste  finde  ich  die  Art  von  Absonderung,  die  der Mensch in sich selbst bewirken muß, wenn er sich überhaupt bilden will; deswegen finden wir so viel einseitige Kulturen, wovon doch jede sich anmaßt, über das Ganze abzusprechen.« »Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich«, sagte Jarno, der eben hinzutrat. »Auch ist es schwer«, versetzte der Abbé, »sich in der Kürze bestimmt hierüber zu erklären. Ich sage   nur   soviel:   sobald   der   Mensch   an   mannigfaltige   Tätigkeit   oder   mannigfaltigen   Genuß Anspruch macht, so muß er auch fähig sein, mannigfaltige Organe an sich gleichsam unabhängig voneinander auszubilden. Wer alles und jedes in seiner ganzen Menschheit tun oder genießen will,   wer alles außer sich zu einer solchen Art von Genuß verknüpfen will, der wird seine Zeit nur mit einem  ewig  unbefriedigten  Streben  hinbringen.  Wie  schwer  ist  es,  was  so  natürlich  scheint,  eine 279
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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