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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Pensum ist. Die Zuschauer siehst du an, wie sie sich selbst an Werkeltagen vorkommen. Dir könnte es also freilich einerlei sein, hinter einem Pult über liniierten Büchern zu sitzen, Zinsen einzutragen und Reste herauszustochern. Du fühlst nicht das zusammenbrennende, zusammentreffende Ganze, das  allein  durch  den  Geist  erfunden,  begriffen  und  ausgeführt  wird;  du  fühlst  nicht,  daß  in  d en Menschen ein besserer Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhält, wenn er nicht geregt wird, von der Asche täglicher Bedürfnisse und Gleichgültigkeit tiefer bedeckt und doch so spät und fast nie erstickt wird. Du fühlst in deiner Seele keine Kraft, ihn aufzublasen, in deinem eignen Herzen keinen   Reichtum,   um   dem   erweckten   Nahrung   zu   geben.   Der   Hunger   treibt   dich,   die Unbequemlichkeiten sind dir zuwider, und es ist dir verborgen, daß in jedem Stande diese Feinde lauern,  die  nur  mit  Freudigkeit  und  Gleichmut  zu  überwinden  sind.  Du  tust  wohl,  dich  in  jene Grenzen einer gemeinen Stelle zu sehnen; denn welche würdest du wohl ausfüllen, die Geist und Mut verlangt! Gib einem Soldaten, einem Staatsmanne, einem Geistlichen deine Gesinnungen, und mit ebensoviel Recht wird er sich über das Kümmerliche seines Standes beschweren können. Ja, hat es nicht sogar Menschen gegeben, die von allem Lebensgefühl so ganz verlassen waren, daß sie das ganze  Leben  und  Wesen  der  Sterblichen  für  ein  Nichts,  für  ein  kummervolles  und  staubgleiches Dasein  erklärt  haben?  Regten  sich  lebendig  in  deiner  Seele  die  Gestalten  wirkender  Menschen, wärmte   deine   Brust   ein   teilnehmendes   Feuer,   verbreitete   sich   über   deine   ganze   Gestalt   die Stimmung, die aus dem Innersten kommt, wären die Töne deiner Kehle, die Worte deiner Lippen lieblich  anzuhören,  fühltest  du  dich  genug  in  dir  selbst,  so  würdest  du  dir  gewiß  Ort  und Gelegenheit aufsuchen, dich in andern fühlen zu können.« Unter solchen Worten und Gedanken hatte sich unser Freund ausgekleidet und stieg mit einem Gefühle des innigsten Behagens zu Bette. Ein ganzer Roman, was er an der Stelle des Unwürdigen morgenden Tages tun würde, entwickelte sich in seiner Seele, angenehme Phantasien begleiteten ihn  in  das  Reich  des  Schlafes  sanft  hinüber  und  überließen  ihn  dort  ihren  Geschwistern,  den Träumen, die ihn mit offenen Armen aufnahmen und das ruhende Haupt unsers Freundes mit dem Vorbilde des Himmels umgaben. Am frühen Morgen war er schon wieder erwacht und dachte seiner vorstehenden Unterhandlung nach.  Er  kehrte  in  das  Haus  der  verlassenen  Eltern  zurück,  wo  man  ihn  mit  Verwunderung aufnahm.   Er   trug   sein   Anbringen   bescheiden   vor   und   fand   gar   bald   mehr   und   weniger Schwierigkeiten, als er vermutet hatte. Geschehen war es einmal, und wenngleich außerordentlich strenge und harte Leute sich gegen das Vergangene und Nichtzuändernde mit Gewalt zu setzen und das  Übel  dadurch  zu  vermehren  pflegen,  so  hat  dagegen  das  Geschehene  auf  die  Gemüter  der meisten eine unwiderstehliche Gewalt, und was unmöglich schien, nimmt sogleich, als es geschehn ist, neben dem Gemeinen seinen Platz ein. Es war also bald ausgemacht, daß der Herr Melina die Tochter  heiraten  sollte;  dagegen  sollte  sie  wegen  ihrer  Unart  kein  Heira tsgut   itnehmen  und versprechen, das Vermächtnis einer Tante noch einige Jahre gegen geringe Interessen in des  Vaters Händen  zu  lassen.  Der  zweite  Punkt,  wegen  einer  bürgerlichen  Versorgung,  fand  schon  größere Schwierigkeiten.   Man   wollte   das   ungeratene   Kind   nicht   vor   Augen   sehen,   man   wollte   die Verbindung  eines  hergelaufenen  Menschen  mit  einer  so  angesehenen  Familie,  welche  sogar  mit einem Superintendenten verwandt war, sich durch die Gegenwart nicht beständig aufrücken lassen; man konnte ebensowenig hoffen, daß die fürstlichen Kollegien ihm eine Stelle anvertrauen würden. Beide Eltern waren gleich stark dagegen, und Wilhelm, der sehr eifrig dafür sprach, weil er dem Menschen, den er geringschätzte, die Rückkehr auf das Theater nicht gönnte und überzeugt war, daß er eines solchen Glückes nicht wert sei, konnte mit allen seinen Argumenten nichts ausrichten. Hätte er die geheimen Triebfedern gekannt, so würde er sich die Mühe gar nicht gegeben haben, die Eltern überreden zu wollen. Denn der Vater, der seine Tochter gerne b ei sich behalten hätte, haßte den jungen Menschen, weil seine Frau selbst ein Auge auf ihn geworfen hatte, und diese konnte in ihrer  Stieftochter  eine  glückliche  Nebenbuhlerin  nicht  vor  Augen  leiden.  Und  so  mußte  Melina wider seinen Willen mit seiner jungen Braut, die schon größere Lust bezeigte, die Welt zu sehen und sich der Welt sehen zu lassen, nach einigen Tagen abreisen, um bei irgendeiner Gesellschaft ein Unterkommen zu finden. 27
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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