Title:

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Home
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

bleiben«, sagte Jarno, indem er die Rolle halb zuwickelte und nur manchmal einen Blick hinein tat. »Ich  selbst  habe  der  Gesellschaft  und  den  Menschen  am  wenigsten  genutzt;  ich  bin  ein  sehr schlechter  Lehrmeister,  es  ist  mir  unerträglich  zu  sehen,  wenn  jemand  ungeschickte  Versuche macht,  einem  Irrenden  muß  ich  gleich  zurufen,  und  wenn  es  ein  Nachtwandler  wäre,  den  ich  in Gefahr sähe, geradenweges den Hals zu brechen. Darüber hatte ich n un immer meine Not mit dem Abbé, der behauptet, der Irrtum könne nur durch das Irren geheilt werden. Auch über Sie haben wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und es will schon etwas heißen, in dem  hohen  Grade  seine  Aufmerksamkeit  auf  sich  zu  ziehen.  Sie  müssen  mir  nachsagen,  daß  ich Ihnen,  wo  ich  Sie  antraf,  die  reine  Wahrheit  sagte.«  –  »Sie  haben  mich  wenig  geschont«,  sagte Wilhelm, »und Sie scheinen Ihren Grundsätzen treu zu bleiben.« – »Was ist denn da zu schonen«, versetzte  Jarno,  »wenn  ein  junger  Mensch  von  mancherlei  guten  Anlagen  eine  ganz  falsche Richtung nimmt?« – »Verzeihen Sie«, sagte Wilhelm, »Sie haben mir streng genug alle Fähigkeit zum  Schauspieler  abgesprochen;  ich  gestehe  Ihnen, daß, ob ich gleich dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch unmöglich bei mir selbst dazu für ganz unfähig erklären.« – »Und bei mir«,  sagte  Jarno,  »ist  es  doch  so  rein  entschieden,  daß,  wer  sich  nur  selbst  spielen  kann,  kein Schauspieler ist. Wer sich nicht dem Sinn und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann, verdient nicht diesen Namen. So haben Sie zum Beispiel den Hamlet und einige andere Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre Gestalt und die Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das wäre nun für ein Liebhabertheater und für einen jeden gut genug, der keinen andern Weg  vor  sich  sähe.  ›Man  soll  sich‹«,  fuhr  Jarno  fort,  indem  er  auf  die  Rolle  sah,  »›vor  einem Talente hüten, das man in Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften, die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern.‹« »Lesen Sie nichts!« sagte Wilhelm, »ich bitte Sie inständig, sprechen Sie fort, erzählen Sie mir, klären  Sie  mich  auf!  Und  so  hat  also  der  Abbé  mir  zum  Hamlet  geholfen,  indem  er  einen  Geist herbeischaffte?«  –  »Ja,  denn  er  versicherte,  daß  es der einzige Weg sei, Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären.« – »Und darum ließ er mir den Schleier zurück und hieß mich fliehen?« – »Ja, er hoffte  sogar,  mit  der  Vorstellung  des  Hamlets  sollte  Ihre  ganze  Lust  gebüßt  sein.  Sie  würden nachher  das  Theater  nicht  wieder  betreten,  behauptete  er;  ich  glaubte  das  Gegenteil  und  behielt recht. Wir stritten noch selbigen Abend nach der Vorstellung darüber.« – »Und Sie haben mich also spielen sehen?« – »O gewiß!« – »Und wer stellte denn den Geist vor?« – »Das kann ich selbst nicht sagen;  entweder  der  Abbé  oder  sein  Zwillingsbruder,  doch  glaub  ich,  dieser,  denn  er  ist  um  ein weniges  größer.«  –  »Sie  haben  also  auch  Geheimnisse  untereinander?«  –  »Freunde  können  und müssen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander doch kein Geheimnis.« »Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klären Sie mich über den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin und dem ich so viel Vorwürfe zu machen habe.« »Was  ihn  uns  so  schätzbar  macht«,  versetzte  Jarno,  »was  ihm  gewissermaßen  die  Herrschaft über  uns  alle  erhält,  ist  der  freie  und  scharfe  Blick,  den  ihm  die  Natur  über  alle  Kräfte,  die  im Menschen nur wohnen und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden läßt, gegeben hat. Die meisten Menschen,  selbst  die  vorzüglichen,  sind  nur  beschränkt;  jeder  schätzt  gewisse  Eigenschaften  an sich  und  andern;  nur  die  begünstigt  er,  nur  die  will  er  ausgebildet  wissen.  Ganz  entgegengesetzt wirkt der Abbé, er hat Sinn für alles, Lust an allem, es zu erkennen und zu befördern. Da muß ich doch wieder in die Rolle sehen!« fuhr Jarno fort. »›Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören suchen, hält sie die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten  tierischen  Handwerkstriebe  bis  zur  höchsten  Ausübung  de r  geistigsten  Kunst,  vom Lallen  und  Jauchzen  des  Kindes  bis  zur  trefflichsten  Äußerung  des  Redners  und  Sängers,  vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden, vom leichtesten Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur heftigsten Leidenschaft und zum  ernstesten  Bunde,  von  dem  reinsten  Gefühl  der  sinnlichen  Gegenwart  bis  zu  den  leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit mehr liegt im 269
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsges...
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Einführung in das Bürgerliche Recht: Grundku...
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/G/goethe

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  Home  |  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum