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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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»Darüber werden Sie doch nicht in Verlegenheit sein«, versetzte  Wilhelm; »denn Sie scheinen mir  beiderseits  von  der  Natur  bestimmt,  in  dem  Stande,  den  sie  gewählt  haben,  Ihr  Glück  zu machen.  Eine  angenehme  Gestalt,  eine  wohlklingende  Stimme,  ein  gefühlvolles  Herz!  Können Schauspieler besser ausgestattet sein? Kann ich Ihnen mit einigen Empfehlungen dienen, so wird es mir viel Freude machen.« »Ich  danke  Ihnen  von  Herzen«,  versetzte  der  andere; »aber ich werde wohl schwerlich davon Gebrauch machen können, denn ich denke, wo möglich nicht auf das Theater zurückzukehren.« »Daran  tun  Sie  sehr  übel«,  sagte  Wilhelm  nach  einer  Pause,  in  welcher  er  sich  von  seinem Erstaunen erholt hatte; denn er dachte nicht anders, als daß der Schauspieler, sobald er mit seiner jungen  Gattin  befreit  worden,  das  Theater  aufsuchen  werde.  Es  schien  ihm  ebenso  natürlich  und notwendig, als daß der Frosch das Wasser sucht. Nicht einen Augenblick hatte er daran gezweifelt und mußte nun zu seinem Erstaunen das Gegenteil erfahren. »Ja«,   versetzte   der   andere,   »ich   habe   mir   vorgenommen,   nicht   wieder   auf   das   Theater zurückzukehren, vielmehr eine bürgerliche Bedienung, sie sei auch, welche sie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann.« »Das ist ein sonderbarer Entschluß, den ich nicht billigen kann; denn ohne besondere Ursache ist es  niemals  ratsam,  die  Lebensart,  die  man  ergriffen  hat,  zu  verändern,  und  überdies  wüßte  ich keinen  Stand,  der  so  viel  Annehmlichkeiten,  so  viel  reizende  Aussichten  darböte,  als  den  eines Schauspielers.« »Man sieht, daß Sie keiner gewesen sind«, versetzte jener. Darauf sagte Wilhelm: »Mein Herr, wie selten ist der Mensch mit dem Zustande zufrieden, in dem  er  sich  befindet!  Er  wünscht  sich  immer  den  seines  Nächsten,  aus  welchem  sich  dieser gleichfalls heraussehnt.« »Indes  bleibt  doch  ein  Unterschied«,  versetzte  Melina,  »zwischen  dem  Schlimmen  und  dem Schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld macht mich so handeln. Ist wohl irgend ein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer und mühseliger in der Welt? Beinahe wäre es ebensogut, vor den Türen zu betteln. Was hat man von dem Neide seiner Mitgenossen und der Parteilichkeit des Direktors, von  der  veränderlichen  Laune  des  Publikums  auszustehen!  Wahrhaftig,  man  muß  ein  Fell  haben wie ein Bär, der in Gesellschaft von Affen und Hunden an der Kette he rumgeführt und geprügelt wird, um bei dem Tone eines Dudelsacks vor Kindern und Pöbel zu tanzen.« Wilhelm  dachte  allerlei  bei  sich  selbst,  was  er  jedoch  dem  guten  Menschen  nicht  ins  Gesicht sagen wollte. Er ging also nur von ferne mit dem Gespräch um ihn herum. Jener ließ sich desto aufrichtiger  und  weitläufiger  heraus.  –»Täte  es  nicht  not«,  sagte  er,  »daß  ein  Direktor  jedem Stadtrate zu Füßen fiele, um nur die Erlaubnis zu haben, vier Wochen zwischen der Messe ein paar Groschen mehr an einem Orte zirkulieren zu  lassen. Ich habe den unsrigen, der soweit ein guter Mann  war,  oft  bedauert,  wenn  er  mir  gleich  zu  anderer  Zeit  Ursache  zu  Mißvergnügen  gab.  Ein guter  Akteur  steigert  ihn,  die  schlechten  kann  er  nicht  loswerden;  und  wenn  er  seine  Einnahme einigermaßen der Ausgabe gleichsetzen will, so ist es dem Publikum gleich zuviel, das Haus steht leer, und man muß, um nur nicht gar zugrunde zu gehen, mit Schaden und Kummer spielen. Nein, mein Herr! da Sie sich unsrer, wie Sie sagen, annehmen mögen, so bitte ich Sie, sprechen Sie auf das  ernstlichste  mit  den  Eltern  meiner  Geliebten!  Man  versorge  mich  hier,  man  gebe  mir  einen kleinen Schreiber- oder Einnehmerdienst, und ich will mich glücklich schätzen.« Nachdem  sie  noch  einige  Worte  gewechselt  hatten,  schied  Wilhelm  mit  dem  Versprechen, morgen ganz früh die Eltern anzugehen und zu sehen, was er ausrichten könne. Kaum war er allein, so mußte er sich in folgenden Ausrufungen Luft machen: »Unglücklicher Melina, nicht in deinem Stande, sondern in dir liegt das Armselige, über das du nicht Herr werden kannst! Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf ein Handwerk, eine Kunst oder irgendeine Lebensart ergriffe, müßte nicht wie du seinen Zustand unerträglich finden? Wer mit einem Talente Zu einem Talente geboren   ist,   findet   in   demselben   sein   schönstes   Dasein!   Nichts   ist   auf   der   Erde   ohne Beschwerlichkeit!  Nur  der  innere  Trieb,  die  Lust,  die  Liebe  helfen  uns  Hindernisse  überwinden, Wege   bahnen   und   uns   aus   dem   engen   Kreise,   worin   sich   andere   kümmerlich   abängstigen, emporheben. Dir sind die Bretter nichts als Bretter, und die Rollen, was einem Schulknaben sein 26
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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