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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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nach Amerika, um ja seinem Vorgänger recht ähnlich zu werden; und da er einmal schon beinah überzeugt ist, daß ihm nicht viel fehle, ein Heiliger zu sein, so mag ihm der Wunsch manchmal vor der Seele schweben, womöglich zuletzt auch noch als Märtyrer zu glänzen.« Viertes Kapitel Oft genug hatte man bisher von Fräulein Therese gesprochen, oft genug ihrer im Vorbeigehen erwähnt,  und  fast  jedesmal  war  Wilhelm  im  Begriff,  seiner  neuen  Freundin  zu  bekennen,  daß  er jenem trefflichen Frauenzimmer sein Herz und seine Hand angeboten habe. Ein gewisses Gefühl, das er sich nicht erklären konnte, hielt ihn zurück; er zauderte so lange, bis endlich Natalie selbst mit dem himmlischen, bescheidnen, heitern Lächeln, das man an ihr zu sehen gewohnt war, zu ihm sagte:  »So  muß  ich  denn  doch  zuletzt  das  Stillschweigen  brechen  und  mich  in  Ihr  Vertrauen gewaltsam   eindrängen!   Warum   machen   Sie   mir   ein   Geheimnis,   mein   Freund,   aus   einer Angelegenheit,  die  Ihnen  so  wichtig  ist  und  die  mich  selbst  so  nahe  angeht?  Sie  haben  meiner Freundin  Ihre  Hand  angeboten;  ich  mische  mich  nicht ohne Beruf in diese Sache, hier ist meine Legitimation! hier ist der Brief, den sie Ihnen schreibt, den sie durch mich Ihnen sendet.« »Ein Brief von Theresen!« rief er aus. »Ja, mein Herr! und Ihr Schicksal ist entschieden, Sie sind glücklich. Lassen Sie mich Ihnen und meiner Freundin Glück wünschen.« Wilhelm verstummte und sah vor sich hin. Natalie sah ihn an; sie bemerkte, daß er blaß ward. »Ihre Freude ist stark«, fuhr sie fort, »sie nimmt die Gestalt des Schreckens an, sie raubt Ihnen die Sprache. Mein Anteil ist darum nicht weniger herzlich, weil er mich noch zum Worte kommen läßt. Ich  hoffe,  Sie  werden  dankbar  sein,  denn  ich  darf  Ihnen  sagen:  mein  Einfluß  auf  Theresens Entschließung war nicht gering; sie fragte mich um Rat, und sonderbarerweise waren Sie eben hier, ich  konnte  die  wenigen  Zweifel,  die  meine  Freundin  noch  hegte,  glücklich  besiegen,  die  Boten gingen lebhaft hin und wider; hier ist ihr Entschluß! hier ist die Entwickelung! Und nun sollen Sie alle ihre Briefe lesen, Sie sollen in das schöne Herz Ihrer Braut ein en freien, reinen Blick tun.« Wilhelm entfaltete das Blatt, das sie ihm unversiegelt überreichte; es enthielt die freundlichen Worte: »Ich bin die Ihre, wie ich bin und wie Sie mich kennen. Ich nenne Sie den Meinen, wie Sie sind und  wie  ich  Sie  kenne.  Was  an  uns  selbst,  was  an  unsern  Verhältnissen  der  Ehestand  verändert, werden  wir  durch  Vernunft,  frohen  Mut  und  guten  Willen  zu  übertragen  wissen.  Da  uns  keine Leidenschaft,  sondern  Neigung  und  Zutrauen  zusammenführt,  so  wagen  wir  weniger  als  tausend andere.  Sie  verzeihen  mir  gewiß,  wenn  ich  mich  manchmal  meines  alten  Freundes  herzlich erinnere; dafür will ich Ihren Sohn als Mutter an meinen Busen drücken. Wollen Sie mein kleines Haus   sogleich   mit   mir   teilen,   so   sind   Sie   Herr   und   Meister,   indessen   wird   der   Gutskauf abgeschlossen.  Ich  wünschte,  daß  dort  keine  neue  Einrichtung  ohne  mich  gemacht  würde,  um sogleich zu zeigen, daß ich das Zutrauen verdiene, das Sie mir schenken. Leben Sie wohl, lieber, lieber Freund! geliebter Bräutigam, verehrter Gatte! Therese drückt Sie an ihre Brust mit Hoffnung und Lebensfreude. Meine Freundin wird Ihnen mehr, wird Ihnen alles sagen.« Wilhelm, dem dieses Blatt seine Therese wieder völlig vergegenwärtigt hatte, war auch wieder völlig zu sich selbst gekommen. Unter dem Lesen wechselten die schnellsten Gedanken in seiner Seele. Mit Entsetzen fand er lebhafte Spuren einer Neigung gegen Natalien in seinem Herzen; er schalt sich, er erklärte jeden Gedanken der Art für Unsinn, er stellte sich Theresen in ihrer ganzen Vollkommenheit vor, er las den Brief wieder, er ward heiter, oder vielmehr er erholte sich so weit, daß er heiter scheinen konnte. Natalie legte ihm die gewechselten Briefe vor, aus denen wir einige Stellen ausziehen wollen. Nachdem Therese ihren Bräutigam nach ihrer Art geschildert hatte, fuhr sie fort: 259
  
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von Helmut Köhler
Siehe auch:
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