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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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muß Sie nun an einen Ort schicken, wo Sie nötiger sind als hier: meine Schwester läßt Sie ersuchen, so bald als möglich zu ihr zu kommen; die arme Mignon scheint sich zu verzehren, und man glaubt, Ihre Gegenwart könnte vielleicht noch dem Übel Einhalt tun. Meine Schwester schickte mir dieses Billett noch nach, woraus Sie sehen können, wieviel  ihr daran gelegen ist.« Lothario überreichte ihm  ein  Blättchen.  Wilhelm,  der  schon  in  der  größten  Verlegenheit  zugehört  hatte,  erkannte sogleich an diesen flüchtigen Bleistiftzügen die Hand der Gräfin und wußte nicht, was er antworten sollte. »Nehmen Sie Felix mit«, sagte Lothario, »damit  die Kinder sich untereinander aufheitern. Sie müßten  morgen  früh  beizeiten  weg;  der  Wagen  meiner  Schwester,  in  welchem  meine  Leute hergefahren sind, ist noch hier, ich gebe Ihnen Pferde bis auf halben Weg, dann nehmen Sie Post. Leben Sie recht wohl und richten viele Grüße von mir aus. Sagen Sie dabei meiner Schwester, ich werde sie bald wiedersehen, und sie soll sich überhaupt auf einige Gäste vorbereiten. Der Freund unseres Großoheims, der Marchese Cipriani, ist auf dem Wege, hierherzukommen; er hoffte, den alten Mann noch am Leben anzutreffen, und sie wollten sich zusammen an der Erinnerung früherer Verhältnisse  ergötzen  und  sich  ihrer  gemeinsamen  Kunstliebhaberei  erfreuen.  Der  Marchese  war viel jünger als mein Oheim und verdankte ihm den besten Teil seiner Bildung; wir müssen alles aufbieten,  um  einigermaßen  die  Lücke  auszufüllen,  die  er  finden  wird,  und  das  wird  am  besten durch eine größere Gesellschaft geschehen.« Lothario ging darauf mit dem Abbé in sein Zimmer, Jarno war vorher weggeritten; Wilhelm eilte auf seine Stube; er hatte niemand, dem er sich vertrauen, niemand, durch den er einen Schritt, vor dem  er  sich  so  sehr  fürchtete,  hätte  abwenden  können.  Der  kleine  Diener  kam  und  ersuchte  ihn einzupacken,   weil   sie   noch   diese   Nacht   aufbinden   wollten,   um   mit   Anbruch   des   Tages wegzufahren. Wilhelm wußte nicht, was er tun sollte; endlich rief er aus: »Du willst nur machen, daß du aus diesem Hause kommst; unterweges überlegst du, was zu tun ist, und bleibst allenfalls auf der Hälfte des Weges liegen, schickst einen Boten zurück, schreibst, was du dir nicht  zu sagen getraust,   und   dann   mag   werden,   was   will.«   Ungeachtet  dieses  Entschlusses  brachte  er  eine schlaflose  Nacht  zu;  nur  ein  Blick  auf  den  so  schön  ruhenden  Felix  gab  ihm  einige  Erquickung. »Oh!« rief er aus, »wer weiß, was noch für Prüfungen auf mich warten, wer weiß, wie sehr mich begangene Fehler noch quälen, wie oft mir gute und vernünftige Plane für die Zukunft mißlingen sollen; aber diesen Schatz, den ich einmal besitze, erhalte mir, du erbittliches oder unerbittliches Schicksal! Wäre er möglich, daß dieser beste Teil von mir selbst vor mir zerstört, daß dieses Herz von meinem Herzen gerissen werden könnte, so lebe wohl, Verstand und Vernunft, lebe wohl, jede Sorgfalt   und   Vorsicht,   verschwinde,   du   Trieb   zur   Erhaltung!   Alles,   was   uns   vom   Tiere unterscheidet,  verliere  sich!  Und  wenn  es  nicht  erlaubt  ist,  seine  traurigen  Tage  freiwillig  zu endigen,  so  hebe  ein  frühzeitiger  Wahnsinn  das  Bewußtsein  auf,  ehe  der  Tod,  der  es  auf  immer zerstört, die lange Nacht herbeiführt!« Er  faßte  den  Knaben  in  seine  Arme,  küßte  ihn,  drückte  ihn  an  sich  und  benetzte  ihn  mit reichlichen  Tränen.  Das  Kind  wachte  auf;  sein  helles  Auge,  sein  freundlicher  Blick  rührten  den Vater  aufs  innigste.  »Welche  Szene  steht  mir  bevor«,  rief  er  aus,  »wenn  ich  dich  der  schönen, unglücklichen Gräfin vorstellen soll, wenn sie dich an ihren Busen drückt, den dein Vater so tief verletzt hat! Muß ich nicht fürchten, sie stößt dich wieder von sich mit einem Schrei, sobald deine Berührung ihren wahren oder eingebildeten Schmerz erneuert!« Der Kutscher ließ ihm nicht Zeit, weiter zu denken oder zu wählen, er nötigte ihn vor T age in den Wagen; nun wickelte er seinen Felix wohl ein, der Morgen war kalt, aber heiter, das Kind sah zum erstenmal in seinem Leben die Sonne aufgehn. Sein Erstaunen über den ersten feurigen Blick, über  die  wachsende  Gewalt  des  Lichts,  seine  Freude  und  seine  wunderlichen  Bemerkungen erfreuten den Vater und ließen ihn einen Blick in das Herz tun, vor welchem die Sonne wie über einem reinen, stillen See emporsteigt und schwebt. In  einer  kleinen  Stadt  spannte  der  Kutscher  aus  und  ritt  zurück.  Wilhelm  nahm  sogleich  ein Zimmer  in  Besitz  und  fragte  sich  nun,  ob  er  bleiben  oder  vorwärts  gehen  solle.  In  dieser Unentschlossenheit   wagte   er   das   Blättchen   wieder   hervorzunehmen,   das   er   bisher   nochmals anzusehen nicht getraut hatte; es enthielt folgende Worte: »Schicke mir deinen jungen Freund ja 249
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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