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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Zeug in den Kopf gesetzt hat. Mußtest du auch gerade an so einen kommen! Es gibt so viele, die jungen Leuten etwas nachzusehen wissen. Genug, ich sage dir, es muß anders werden, in ein paar Tagen  muß  ich  Antwort  wissen,  denn  ich  gehe  bald  wieder  weg,  und  wenn  du  nicht  wieder freundlich und gefällig bist, so sollst du mich nicht wiedersehen ...« In   dieser   Art   ging   der   Brief   noch   lange   fort,   drehte   sich   zu   Wilhelms   schmerzlicher Zufriedenheit immer um denselben Punkt herum und zeugte für die Wahrheit der Geschichte, die er von Barbara vernommen hatte. Ein zweites Blatt bewies deutlich, daß Mariane auch in der Folge nicht nachgegeben hatte, und Wilhelm vernahm aus diesen und mehreren Papieren nicht ohne tiefen Schmerz die Geschichte des unglücklichen Mädchens bis zur Stunde ihres  Todes. Die  Alte  hatte  den  rohen  Menschen  nach  und  nach  zahm  gemacht,  indem  sie  ihm  den  Tod Marianens meldete und ihm den Glauben ließ, als wenn Felix sein Sohn sei; er hatte ihr einigemal Geld geschickt, das sie aber für sich behielt, da sie Aurelien die Sorge für des Kindes Erziehung aufgeschwatzt hatte. Aber leider dauerte dieser heimliche Erwerb nicht lange. Norberg hatte durch ein wildes Leben den größten Teil seines Vermögens verzehrt und wiederholte Liebesgeschichten sein Herz gegen seinen ersten, eingebildeten Sohn verhärtet. So wahrscheinlich das alles lautete und so schön es zusammentraf, traute Wilhelm doch noch nicht, sich der Freude zu überlassen; er schien sich vor einem Geschenke zu fürchten, das ihm ein böser Genius darreichte. »Ihre Zweifelsucht«, sagte die Alte, die seine Gemütsstimmung erriet, »kann nur die Zeit heilen. Sehen Sie das Kind als ein fremdes an, und geben  Sie desto genauer auf ihn acht, bemerken Sie seine  Gaben,  seine  Natur,  seine  Fähigkeiten,  und  wenn  Sie  nicht  nach   und  nach  sich  selbst wiedererkennen, so müssen Sie schlechte Augen haben. Denn das versichre ich Sie, wenn ich ein Mann wäre, mir sollte niemand ein Kind unterschieben; aber es ist ein Glück für die Weiber, daß die Männer in diesen Fällen nicht so scharfsichtig sind.« Nach allem diesen setzte sich Wilhelm mit der Alten auseinander; er wollte den Felix mit sich nehmen,  sie  sollte  Mignon  zu  Theresen  bringen  und  hernach  eine  kleine  Pension,  die  er  ihr versprach, wo sie wollte, verzehren. Er  ließ  Mignon  rufen,  um  sie  auf  diese  Veränderung  vorzubereiten.  »Meister!«  sagte  sie, »behalte mich bei dir, es wird mir wohltun und weh.« Er stellte ihr vor, daß sie nun herangewachsen sei und daß doch etwas für ihre weitere Bildung getan werden müsse. »Ich bin gebildet genug«, versetzte sie, »um zu lieben und zu trauern.« Er machte sie auf ihre Gesundheit aufmerksam, daß sie eine anhaltende Sorgfalt und die Leitung eines  geschickten  Arztes  bedürfe.  »Warum  soll  man  für  mich  sorgen«,  sagte  sie,  »da  so  viel  zu sorgen ist?« Nachdem er sich viele Mühe gegeben, sie zu überzeugen, daß er sie jetzt nicht mit sich nehmen könne, daß er sie zu Personen bringen wolle, wo er sie öfters s ehen werde, schien sie von alledem nichts gehört zu haben. »Du willst mich nicht bei dir?« sagte sie. »Vielleicht ist es besser, schicke mich zum alten Harfenspieler, der arme Mann ist so allein.« Wilhelm  suchte  ihr  begreiflich  zu  machen,  daß  der  Alte  gut  aufgehoben  sei.  »Ich  sehne  mich jede Stunde nach ihm«, versetzte das Kind. »Ich habe aber nicht bemerkt«, sagte Wilhelm, »daß du ihm so geneigt seist, als er noch mit uns lebte.« »Ich fürchtete mich vor ihm, wenn er wachte; ich konnte nur seine Augen nicht sehen, aber wenn er schlief, setzte ich mich gern zu ihm, ich wehrte ihm die Fliegen und konnte mich nicht satt an ihm sehen. Oh! er hat mir in schrecklichen Augenblicken beigestanden, es weiß niemand, was ich ihm schuldig bin. Hätt ich nur den Weg gewußt, ich wäre schon zu ihm gelaufen.« Wilhelm stellte ihr die Umstände weitläufig vor und sagte: sie sei so ein vernünftiges Kind, sie möchte doch auch diesmal seinen Wünschen folgen. »Die Vernunft ist grausam«, versetzte sie, »das Herz ist besser. Ich will hingehen, wohin du willst, aber laß mir deinen Felix!« Nach  vielem  Hin-  und  Widerreden  war  sie  immer  auf  ihrem  Sinne  geblieben,  und  Wilhelm mußte sich zuletzt entschließen, die beiden Kinder der Alten zu übergeben und sie zusammen an Fräulein Therese zu schicken. Es ward ihm das um so leichter, als er sich noch immer fürchtete, den 239
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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