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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Wilhelm hatte indessen die kleine Reise vollendet und überreichte, da er sei nen Handelsfreund nicht zu Hause fand, das Empfehlungsschreiben der Gattin des Abwesenden. Aber auch diese gab ihm auf seine Fragen wenig Bescheid; sie war in einer heftigen Gemütsbewegung und das ganze Haus in großer Verwirrung. Es währte jedoch nicht lange, so vertraute sie ihm (und es war auch nicht zu verheimlichen), daß ihre  Stieftochter  mit  einem  Schauspieler  davongegangen  sei,  mit  einem  Menschen,  der  sich  von einer kleinen Gesellschaft vor kurzem losgemacht, sich im Orte aufgehalten und im Französischen Unterricht gegeben habe. Der Vater, außer sich vor Schmerz und Verdruß, sei ins Amt gelaufen, um die Flüchtigen verfolgen zu lassen. Sie schalt ihre Tochter heftig, schmähte den Liebhaber, so daß an beiden nichts Lobenswürdiges übrigblieb, beklagte mit vielen Worten die Schande, die dadurch auf die Familie gekommen, und setzte Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, der sich und sein heimliches Vorhaben durch diese Sibylle gleichsam mit prophetischem Geiste voraus getadelt und gestraft  fühlte.  Noch  stärkern  und  innigern  Anteil  mußte  er  aber  an  den  Schmerzen  des  Vaters nehmen, der aus dem Amte zurückkam, mit stiller Trauer und halben Worten seine Expedition der Frau erzählte und, indem er nach eingesehenem Briefe das Pferd Wilhelmen vorführen ließ, seine Zerstreuung und Verwirrung nicht verbergen konnte. Wilhelm gedachte sogleich das Pferd zu besteigen und sich aus einem Hause zu entfernen, in welchem  ihm  unter  den  gegebenen  Umständen  unmöglich  wohl  werden  konnte;  allein  der  gute Mann wollte den Sohn eines Hauses, dem er so viel schuldig war, nicht unbewirtet und ohne ihn eine Nacht unter seinem Dache behalten zu haben, entlassen. Unser Freund hatte ein trauriges Abendessen eingenommen, eine unruhige Nacht ausgestanden und eilte frühmorgens, so bald als möglich sich von Leuten zu entfernen, die, ohne es zu wissen, ihn mit ihren Erzählungen und Äußerungen auf das empfindlichste gequält hatten. Er ritt langsam und nachdenkend die Straße hin, als er auf einmal eine Anzahl bewaffneter Leute durchs  Feld  kommen  sah,  die  er  an  ihren  weiten  und  langen  Röcken,  großen  Aufschlä gen, unförmlichen  Hüten  und  plumpen  Gewehren,  an  ihrem  treuherzigen  Gange  und  dem  bequemen Tragen  ihres  Körpers  sogleich  für  ein  Kommando  Landmiliz  erkannte.  Unter  einer  alten  Eiche hielten  sie  stille,  setzten  ihre  Flinten  nieder  und  lagerten  sich  bequem  auf  dem  Rasen,  um  eine Pfeife zu rauchen. Wilhelm verweilte bei ihnen und ließ sich mit einem jungen Menschen, der zu Pferde herbeikam, in ein Gespräch ein. Er mußte die Geschichte der beiden Entflohenen, die ihm nur zu sehr bekannt war, leider noch einmal, und zwar mit Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den Eltern sonderlich günstig waren, vernehmen. Zugleich erfuhr er, daß man hierher gekommen  sei,  die  jungen  Leute  wirklich  in  Empfang  zu  nehmen,  die  in  dem  benachbarten Städtchen  eingeholt  und  angehalten  worden  waren.  Nach  einiger  Zeit  sah  man  von  ferne  einen Wagen herbeikommen, der von einer Bürgerwache mehr lächerlich als fürchterlich umgeben war. Ein unförmlicher Stadtschreiber ritt voraus und komplimentierte mit dem gegenseitigen Aktuarius (denn  das  war  der  junge  Mann,  mit  dem  Wilhelm  gesprochen  hatte)  an  der  Grenze  mit  großer Gewissenhaftigkeit und wunderlichen Gebärden, wie es etwa Geist und Zauberer, der eine inner-, der andere außerhalb des Kreises, bei gefährlichen nächtlichen Operationen tun mögen. Die   Aufmerksamkeit   der   Zuschauer   war   indes   auf   den   Bauerwagen   gerichtet,   und   man betrachtete die armen Verirrten nicht ohne Mitleiden, die auf ein paar Bündeln Stroh beieinander saßen, sich zärtlich anblickten und die Umstehenden kaum zu bemerken schienen. Zufälligerweise hatte  man  sich  genötigt  gesehen,  sie  von  dem  letzten  Dorfe  auf  eine  so  unschickliche  Art fortzubringen, indem die alte Kutsche, in welcher man die Schöne transportierte, zerbrochen war. Sie erbat sich bei dieser Gelegenheit die Gesellschaft ihres Freundes, den man, in der Überzeugung, er  sei  auf  einem  kapitalen  Verbrechen  betroffen,  bis  dahin  mit  Ketten  beschwert  nebenhergehen lassen.  Diese  Ketten  trugen  denn  freilich  nicht  wenig  bei,  den  Anblick  der  zärtlichen  Gruppe interessanter zu machen, besonders weil der junge Mann sie mit vielem Anstand bewegte, indem er wiederholt seiner Geliebten die Hände küßte. »Wir  sind  sehr  unglücklich!«  rief  sie  den  Umstehenden  zu;  »aber  nicht  so  schuldig,  wie  wir scheinen.  So  belohnen  grausame  Menschen  treue  Liebe,  und  Eltern,  die  das  Glück  ihrer  Kinder 23
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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