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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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du mir vor! Aber es währte nicht lange, so sah ich dein Bild hinuntergleiten, immer hinuntergleiten; ich streckte meine Arme nach dir aus, sie reichten nicht durch die Ferne. Immer sank dein Bild und näherte sich einem großen See, der am Fuße des Hügels weit ausgebreitet lag, eher ein Sumpf als ein See. Auf einmal gab dir ein Mann die Hand; er schien dich hinaufführen zu wollen, aber leitete dich seitwärts und schien dich nach sich zu ziehen. Ich rief, da ich dich nicht erreichen konnte, ich hoffte dich zu warnen. Wollte ich gehen, so schien der Boden mich festzuhalten; konnt ich gehen, so hinderte mich das Wasser, und sogar mein Schreien erstickte in der beklemmten Brust.‹ – So erzählte  der  Arme,  indem  er  sich  von  seinem  Schrecken  an  meinem  Busen  erholte  und  sich glücklich pries, einen fürchterlichen Traum durch die seligste Wirklichkeit verdrängt zu sehen.« Die  Alte  suchte  soviel  möglich  durch  ihre  Prose  die  Poesie  ihrer  Freundin  ins  Gebiet  des gemeinen Lebens herunterzulocken und bediente sich dabei der guten Art, welc he Vogelstellern zu gelingen pflegt, indem sie durch ein Pfeifchen die Töne derjenigen nachzuahmen suchen, welche sie bald und häufig in ihrem Garne zu sehen wünschen. Sie lobte Wilhelmen, rühmte seine Gestalt, seine Augen, seine Liebe. Das arme Mädchen hörte ihr gerne zu, stand auf, ließ sich ankleiden und schien ruhiger. »Mein Kind, mein Liebchen«, fuhr die Alte schmeichelnd fort, »ich will dich nicht betrüben,  nicht  beleidigen,  ich  denke  dir  nicht  dein  Glück  zu  rauben.  Darfst  du  meine  Absicht verkennen, und hast du vergessen, daß ich jederzeit mehr für dich als für mich gesorgt habe? Sag mir nur, was du willst; wir wollen schon sehen, wie wir es ausführen.«   »Was kann ich wollen?« versetzte Mariane; »ich  bin elend, auf mein ganzes Leben elend; ich liebe  ihn,  der  mich  liebt,  sehe,  daß  ich  mich  von  ihm  trennen  muß,  und  weiß  nicht,  wie  ich  es überleben  kann.  Norberg  kommt,  dem  wir  unsere  ganze  Existenz  schuldig  sind,  den  wir  nicht entbehren können. Wilhelm ist sehr eingeschränkt, er kann nichts für mich tun.« »Ja, er ist unglücklicherweise von jenen Liebhabern, die nichts al s ihr Herz bringen, und eben diese haben die meisten Prätensionen.« »Spotte nicht! Der Unglückliche denkt sein Haus zu verlassen, auf das Theater zu gehen, mir seine Hand anzubieten.« »Leere Hände haben wir schon viere.« »Ich  habe  keine  Wahl«,  fuhr  Mariane  fort,  »entscheide  du!  Stoße  mich  da-  oder  dorthin,  nur wisse noch eins: wahrscheinlich trag ich ein Pfand im Busen, das uns noch mehr aneinanderfesseln sollte; das bedenke und entscheide: wen soll ich lassen? wem soll ich folgen?« Nach einigem Stillschweigen rief die Alte: »Daß doch die Jugend immer zwischen den Extremen schwankt!  Ich  finde  nichts  natürlicher,  als  alles  zu  verbinden,  was  uns  Vergnügen  und  Vorteil bringt.  Liebst  du  den  einen,  so  mag  der  andere  bezahlen;  es  kommt  nur  darauf  an,  daß  wir  klug genug sind, sie beide auseinanderzuhalten.« »Mache, was du willst, ich kann nichts denken; aber folgen will ich.«   »Wir haben den Vorteil, daß wir den Eigensinn des Direktors, der auf die Sitten seiner Truppe stolz  ist,  vorschützen  können.  Beide  Liebhaber  sind  schon  gewohnt,  heimlich  und  vorsichtig  zu Werke  zu  gehen.  Für  Stunde  und  Gelegenheit  will  ich  sorgen;  nur  mußt  du  hernach  die  Rolle spielen, die ich dir vorschreibe. Wer weiß, welcher Umstand uns hilft. Käme Norberg nur jetzt, da Wilhelm  entfernt  ist!  Wer  wehrt  dir,  in  den  Armen  des  einen  an  den  andern  zu  denken?  Ich wünsche dir zu einem Sohne Glück; er soll einen reichen Vater haben.« Mariane war durch diese Vorstellungen nur für kurze Zeit gebessert. Sie konnte ihren Zustand nicht   in   Harmonie   mit   ihrer   Empfindung,   ihrer   Überzeugung   bringen;   sie   wünschte   diese schmerzlichen   Verhältnisse   zu   vergesen,   und   tausend   kleine   Umstände   mußten   sie   jeden Augenblick daran erinnern. Dreizehntes Kapitel 22
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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