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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Verwandte in der Folge für diesen Schritt preisen und segnen sollten, er erkannte den Wink eines leitenden Schicksals an diesen zusammentreffenden Umständen. Wie lang ward ihm die Zeit bis zur Nacht, bis zur Stunde, in der er seine Geliebte wiedersehen sollte! Er saß auf seinem Zimmer und überdachte seinen Reiseplan, wie ein künstlicher Dieb oder Zauberer in der Gefangenschaft manchmal die Füße aus den festgeschlossenen Ketten herauszieht, um  die  Überzeugung  bei  sich  zu  nähren,  daß  seine  Rettung  möglich,  ja  noch  näher  sei,  als kurzsichtige Wächter glauben. Endlich schlug die nächtliche Stunde; er entfernte sich aus seinem Hause, schüttelte allen Druck ab und wandelte durch die stillen Gassen. Auf dem großen Platze hub er seine Hände gen Himmel, fühlte alles hinter und unter sich; er hatte sich  von allem losgemacht. Nun dachte er sich in den Armen seiner Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem blendenden Theatergerüste, er schwebte in einer Fülle von Hoffnungen, und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf des Nachtwächters, daß er noch auf dieser Erde wandle. Seine  Geliebte  kam  ihm  an  der  Treppe  entgegen,  und  wie  schön!  wie  lieblich!  In  dem  neuen weißen Negligé empfing sie ihn, er glaubte sie noch nie so reizend gesehen zu haben. So weihte sie das  Geschenk  des  abwesenden  Liebhabers  in  den Armen des gegenwärtigen ein, und mit wahrer Leidenschaft  verschwendete  sie  den  ganzen  Reichtum  ihrer  Liebkosungen,  welche  ihr  die  Natur eingab, welche die Kunst sie gelehrt hatte, an ihren Liebling, und man frage, ob er sich glücklich, ob er sich selig fühlte. Er entdeckte ihr, was vorgegangen war, und ließ ihr im allgemeinen seinen Plan, seine Wünsche sehen. Er wolle unter zukommen suchen, sie alsdann abholen, er hoffe, sie werde ihm ihre Hand nicht versagen. Das arme Mädchen aber schwieg, verbarg ihre Tränen und drückte den Freund an ihre  Brust,  der,  ob  er  gleich  ihr  Verstummen  auf  das  günstigste  auslegte,  doch  eine  Antwort gewünscht hätte, besonders da er sie zuletzt auf das bescheidenste, auf das freundlichste fragte, ob er  sich  denn  nicht  Vater  glauben  dürfe.  Aber  auch  darauf  antwortete  sie  nur  mit  einem  Seufzer, einem Kusse. Zwölftes Kapitel Den andern Morgen erwachte Mariane nur zu neuer Betrübnis; sie fand sich sehr allein, mochte den Tag nicht sehen, blieb im Bette und weinte. Die Alte setzte sich zu ihr, suchte ihr einzureden, sie  zu  trösten;  aber  es  gelang  ihr  nicht,  das  verwundete  Herz  so  schnell  zu  heilen.  Nun  war  der Augenblick  nahe,  den  das  arme  Mädchen  wie  dem  letzten  ihres  Lebens  entgegengesehen  hatte. Konnte   man   sich   auch   in   einer   ängstlichern   Lage   fühlen?   Ihr   Geliebter   entfernte   sich,   ein unbequemer Liebhaber drohte zu kommen, und das größte Unheil stand bevor, wenn beide, wie es leicht möglich war, einmal zusammentreffen sollten. »Beruhige dich, Liebchen«, rief die Alte, »verweine mir deine schönen Augen nicht! Ist es denn ein so großes Unglück, zwei Liebhaber zu besitzen? Und wenn du auch deine Zärtlichkeit nur dem einen schenken kannst, so sei wenigstens dankbar gegen den andern, der, nach der Art, wie er für dich sorgt, gewiß dein Freund genannt zu werden verdient.« »Es ahnte meinem Geliebten«, versetzte Mariane dagegen mit Tränen, »daß uns eine Trennung bevorstehe; ein Traum hat ihm entdeckt, was wir ihm so sorgfältig zu verbergen suchen. Er schlief so ruhig an meiner Seite. Auf einmal höre ich ihn ängstliche, unvernehmliche Töne stammeln. Mir wird bange, und ich wecke ihn auf. Ach! mit welcher Liebe, mit welcher Zärtlichkeit, mit welchem Feuer umarmt’ er mich! ›O Mariane!‹ rief er aus, ›welchem schrecklichen Zustande hast du mich entrissen! Wie soll ich dir danken, daß du mich aus dieser Hölle befreit hast? Mir träumte‹, fuhr er fort, ›ich befände mich, entfernt von dir, in einer unbekannten Gegend; aber dein Bild schwebte mir vor; ich sah dich auf einem schönen Hügel, die Sonne beschien den ganzen Platz; wie reizend kamst 21
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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