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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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und   möbliert   und   sein   übriges   Vermögen   auf   alle   mögliche   Weise   gelten   gemacht.   Einen ansehnlichen  Teil  davon  hatte  er  dem  alten  Werner  in  die  Handlung  gegeben,  der  als  ein  tätiger Handelsmann  berühmt  war  und  dessen  Spekulationen  gewöhnlich  durch  das  Glück  begünstigt wurden. Nichts wünschte aber der alte Meister so sehr, als seinem Sohne Eigenschaften zu geben, die ihm selbst fehlten, und seinen Kindern Güter zu hinterlassen, auf deren Besitz er den größten Wert legte. Zwar empfand er eine besondere Neigung zum Prächtigen, zu dem, was in die Augen fällt, das aber auch zugleich einen innern Wert und eine Dauer haben sollte. In seinem Hause mußte alles  solid  und  massiv  sein,  der  Vorrat  reichlich,  das  Silbergeschirr  schwer,  das  Tafelservice kostbar; dagegen waren die Gäste selten, denn eine jede Mahlzeit ward ein Fest, das sowohl wegen der  Kosten  als  wegen  der  Unbequemlichkeit  nicht  oft  wiederholt  werden  konnte.  Sein  Haushalt ging  einen  gelassenen  und  einförmigen  Schritt,  und  alles,  was  sich  darin  bewegte  und  erneuerte, war gerade das, was niemanden einigen Genuß gab. Ein ganz entgegengesetztes Leben führte der alte Werner in einem dunkeln und finstern Hause. Hatte  er  seine  Geschäfte  in  der  engen  Schreibstube  am  uralten  Pulte  vollendet,  so  wollte  er  gut essen und womöglich noch besser trinken, auch konnte  er das Gute nicht allein genießen: neben seiner  Familie  mußte  er  seine  Freunde,  alle  Fremden,  die  nur  mit  seinem  Hause  in  einiger Verbindung  standen,  immer  bei  Tische  sehen;  seine  Stühle  waren  uralt,  aber  er  lud  täglich jemanden ein, darauf zu sitzen. Die guten Speisen zogen die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich, und niemand bemerkte, daß sie in gemeinem Geschirr aufgetragen wurden. Sein Keller hielt nicht viel Wein, aber der ausgetrunkene ward gewöhnlich durch einen bessern ersetz t. So  lebten  die  beiden  Väter,  welche  öfter  zusammenkamen,  sich  wegen  gemeinschaftlicher Geschäfte  beratschlagten  und  eben  heute  die  Versendung  Wilhelms  in  Handelsangelegenheiten beschlossen. »Er mag sich in der Welt umsehen«, sagte der alte Meister, »und zugleich unsre Geschäfte an fremden Orten betreiben; man kann einem jungen Menschen keine größere Wohltat erweisen, als wenn man ihn zeitig in die Bestimmung seines Lebens einweiht. Ihr Sohn ist von seiner Expedition so  glücklich  zurückgekommen,  hat  seine  Geschäfte  so  gut  zu  machen  gewußt,  daß  ich  recht neugierig  bin,  wie  sich  der  meinige  beträgt;  ich  fürchte,  er  wird  mehr  Lehrgeld  geben  als  der Ihrige.« Der alte Meister, welcher von seinem Sohne und dessen Fähigkeiten einen großen Begriff hatte, sagte diese Worte in Hoffnung, daß sein Freund ihm widersprechen und die vortrefflichen Gaben des  jungen  Mannes  herausstreichen  sollte.  Allein  hierin  betrog  er  sich;   der  alte  Werner,  der  in praktischen Dingen niemanden traute als dem, den er geprüft hatte, versetzte gelassen: »Man muß alles  versuchen;  wir  können  ihn  ebendenselben  Weg  schicken,  wir  geben  ihm  eine  Vorschrift, wornach  er  sich  richtet;  es  sind  verschiedene  Schulden  einzukassieren,  alte  Bekanntschaften  zu erneuern,  neue  zu  machen.  Er  kann  auch  die  Spekulation,  mit  der  ich  Sie  neulich  unterhielt, befördern  helfen;  denn  ohne  genaue  Nachrichten  an  Ort  und  Stelle  zu  sammeln,  läßt  sich  dabei wenig tun.« »Er mag sich vorbereiten«, versetzte der alte Meister, »und so bald als möglich aufbrechen. Wo nehmen wir ein Pferd für ihn her, das sich zu dieser Expedition schickt?« »Wir werden nicht weit darnach suchen. Ein Krämer in H, der uns noch einiges schuldig, aber sonst ein guter Mann ist, hat mir eins an Zahlungs Statt angeboten; mein Sohn kennt es, es soll ein recht brauchbares Tier sein.« »Er mag es selbst holen, mag mit dem Postwagen hinüberfahren, so ist er übermorgen beizeiten wieder  da,  man  macht  ihm  indessen  den  Mantelsack  und  die  Briefe  zurechte,  und  so  kann  er  zu Anfang der künftigen Woche aufbrechen.« Wilhelm wurde gerufen, und man machte ihm den Entschluß bekannt. Wer war froher als er, da er  die  Mittel  zu  seinem  Vorhaben  in  seinen  Händen  sah,  da  ihm  die  Gelegenheit  ohne  sein Mitwirken  zubereitet  worden!  So  groß  war  seine  Leidenschaft,  so  rein  seine  Überzeugung,  er handle vollkommen recht, sich dem Drucke seines bisherigen Lebens zu entziehen und einer neuen, edlern  Bahn  zu  folgen,  daß  sein  Gewissen  sich  nicht  im  mindesten  regte,  keine  Sorge  in  ihm entstand,  ja  daß  er  vielmehr  diesen  Betrug  für  heilig  hielt.  Er  war  gewiß,  daß  ihn  Eltern  und 20
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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