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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Schöpfer  so  innig  damit  vereinigen  konnte.  Es  muß  also  in  dem  Begriff  des  Menschen  kein Widerspruch   mit   dem   Begriff   der   Gottheit   liegen;   und   wenn   wir   auch   oft   eine   gewisse Unähnlichkeit   und   Entfernung   von   ihr   empfinden,   so   ist   es   doch   um   desto   mehr   unsere Schuldigkeit, nicht immer wie der Advokat des bösen Geistes nur auf die Blößen und Schwächen unserer  Natur  zu  sehen,  sondern  eher  alle  Vollkommenheiten  aufzusuchen,  wodurch  wir  die Ansprüche unsrer Gottähnlichkeit bestätigen können.« Ich  lächelte  und  versetzte:  »Beschämen  Sie  mich  nicht  zu  sehr,  lieber  Oheim,  durch  die Gefälligkeit,  in  meiner  Sprache  zu  reden!  Das,  was  Sie  mir  zu  sagen  haben,  ist  für  mich  von  so großer Wichtigkeit, daß ich es in Ihrer eigensten Sprache zu hören wünschte, und ich will alsdann, was ich mir davon nicht ganz zueignen kann, schon zu übersetzen suchen.« »Ich  werde«,  sagte  er  darauf,  »auch  auf  meine  eigenste  Weise  ohne  Veränderung  des  Tons fortfahren können. Des Menschen größtes Verdienst bleibt wohl, wenn er die Umstände soviel als möglich bestimmt und sich sowenig als möglich von ihnen bestimmen läßt. Das ganze Weltwesen liegt  vor  uns  wie  ein  großer  Steinbruch  vor  dem  Baumeister,  der  nur  dann  den  Namen  verdient, wenn  er  aus  diesen  zufälligen  Naturmassen  ein  in  seinem  Geiste  entsprungenes  Urbild  mit  der größten   Ökonomie,   Zweckmäßigkeit   und   Festigkeit   zusammenstellt.   Alles   außer   uns   ist   nur Element, ja ich darf wohl sagen, auch alles an uns; aber tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein soll, und uns nicht ruhen und rasten läßt, bis wir es außer uns  oder  an  uns,  auf  eine  oder  die  andere  Weise,  dargestellt  haben.  Sie,  liebe  Nichte,  haben vielleicht das beste Teil erwählt; Sie haben Ihr sittliches Wesen, Ihre tiefe, liebevolle Natur mit sich selbst und mit dem höchsten Wesen übereinstimmend zu machen gesucht, indes wir andern wohl auch nicht zu tadeln sind, wenn wir den sinnlichen Menschen in seinem Umfange zu kennen und tätig in Einheit zu bringen suchen.« Durch solche Gespräche wurden wir nach und nach vertrauter, und ich erlangte von ihm, daß er mit mir ohne Kondeszendenz wie mit sich selbst sprach. »Glauben Sie nicht«, sagte der Oheim zu mir, »daß ich Ihnen schmeichle, wenn ich Ihre Art zu denken und zu handeln lobe. Ich verehre den Menschen,  der  deutlich  weiß,  was  er  will,  unablässig  vorschreitet,  die  Mittel  zu  seinem  Zwecke kennt und sie zu ergreifen und zu brauchen weiß; inwiefern sein Zweck groß oder klein sei, Lob oder Tadel verdiene, das kommt bei mir erst nachher in Betrachtung. Glauben Sie mir, meine Liebe, der  größte  Teil  des  Unheils  und  dessen,  was  man  bös  in  der  Welt  nennt,  entsteht  bloß,  weil  die Menschen  zu  nachlässig  sind,  ihre  Zwecke  recht  kennenzulernen  und,  wenn  sie  solche  kennen, ernsthaft darauf loszuarbeiten. Sie kommen mir vor wie Leute, die den Begriff haben, es könne und müsse  ein  Turm  gebauet  werden,  und  die  doch  an  den  Grund  nicht  mehr  Steine  und  Arbeit verwenden, als man allenfalls einer Hütte unterschlüge. Hätten Sie, meine Freundin, deren höchstes Bedürfnis  war,  mit  Ihrer  innern  sittlichen  Natur  ins  reine  zu  kommen,  anstatt  der  großen  und kühnen Aufopferungen sich zwischen Ihrer Familie, einem Bräutigam, vielleicht einem Gemahl nur so   hin   beholfen,   Sie   würden,   in   einem   ewigen   Widerspruch   mit   sich   selbst,   niemals   einen zufriedenen Augenblick genossen haben.« »Sie brauchen«, versetzte ich hier, »das Wort Aufopferung, und ich habe manchmal gedacht, wie wir einer höhern Absicht gleichsam wie einer Gottheit das Geringere zum Opfer darbringen, ob es uns schon am Herzen liegt, wie man ein geliebtes Schaf für die Gesundheit eines verehrten Vaters gern und willig zum Altar führen würde.« »Was es auch sei«, versetzte er, »der Verstand oder die Empfindung, das uns eins für das andere hingeben,  eins  vor  dem  andern  wählen  heißt,  so  ist  Entschiedenheit  und  Folge  nach  meiner Meinung das Verehrungswürdigste am Menschen. Man kann die Ware und das Geld nicht zugleich haben; und der ist ebenso übel daran, dem es immer nach der Ware gelüstet, ohne daß er das Herz hat, das Geld hinzugeben, als der, den der Kauf reut, wenn er die Ware in Händen hat. Aber ich bin weit entfernt, die Menschen deshalb zu tadeln; denn sie sind eigentlich nicht schuld, sondern die verwickelte Lage, in der sie sich befinden und in der sie sich nicht zu regieren wissen. So werden Sie zum Beispiel im Durchschnitt weniger üble Wirte auf dem Lande als in den Städten finden und wieder in kleinen Städten weniger als in großen; und warum? Der Mensch ist zu einer beschränkten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, und er gewöhnt sich, die 199
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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