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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Die  gräfliche  Familie,  deren  ich  oben  erwähnt,  zog  mich  nun  näher  an  sich.  Sie  hatte  sich indessen verstärkt, indem sich einige Verwandte in die Stadt gewendet hatten. Diese schätzbaren Personen suchten meinen Umgang wie ich den ihrigen. Sie hatten große Verwandtschaft, und ich lernte in diesem Hause einen großen Teil der Fürsten, Grafen und Herren des Reichs kennen. Meine Gesinnungen waren niemanden ein Geheimnis, und man mochte sie ehren oder auch nur schonen, so erlangte ich doch meinen Zweck und blieb ohne Anfechtung. Noch  auf  eine  andere  Weise  sollte  ich  wieder  in  die  Welt  geführt  werden.  Zu  eben  der  Zeit verweilte ein Stiefbruder meines Vaters, der uns sonst nur im Vorbeigehn besucht hatte, länger bei uns. Er hatte die Dienste seines Hofes, wo er geehrt und von Einfluß war, nur deswegen verlassen, weil nicht alles nach seinem Sinne ging. Sein Verstand war richtig und sein Charakter streng, und er   war darin meinem Vater sehr ähnlich; nur hatte dieser dabei einen gewissen Grad von Weichheit, wodurch ihm leichter ward, in Geschäften nachzugeben und etwas gegen seine Überzeugung nicht zu tun, aber geschehen zu lassen und den Unwillen darüber alsdann entweder in der Stille für sich oder  vertraulich  mit  seiner  Familie  zu  verkochen.  Mein  Oheim  war  um  vieles  jünger,  und  seine Selbständigkeit ward durch seine äußern Umstände nicht wenig bestätigt. Er hatte eine sehr reiche Mutter  gehabt  und  hatte  von  ihren  nahen  und  fernen  Verwandten  noch  ein  großes  Vermögen  zu hoffen;  er  bedurfte  keines  fremden  Zuschusses,  anstatt  daß  mein  Vater  bei  seinem  mäßigen Vermögen durch Besoldung an den Dienst fest geknüpft war. Noch   unbiegsamer   war   mein   Oheim   durch   häusliches   Unglück   geworden.   Er   hatte   eine liebenswürdige Frau und einen hoffnungsvollen Sohn früh verloren, und er schien von der Zeit an alles von sich entfernen zu wollen, was nicht von seinem Willen abhing. In  der  Familie  sagte  man  sich  gelegentlich  mit  einiger  Selbstgefälligkeit  in  die  Ohren,  daß  er wahrscheinlich nicht wieder heiraten werde und daß wir Kinder uns schon als Erben seines großen Vermögens ansehen könnten. Ich achtete nicht weiter darauf; allein das Betragen der übrigen ward nach diesen Hoffnungen nicht wenig gestimmt. Bei der Festigkeit seines Charakters hatte er sich gewöhnt,  in  der  Unterredung  niemand  zu  widersprechen,  vielmehr  die  Meinung  eines  jeden freundlich anzuhören und die Art, wie sich jeder eine Sache dachte, noch selbst durch Argumente und Beispiele zu erheben. Wer ihn nicht kannte, glaubte stets mit ihm einerlei Meinung zu sein; denn er hatte einen überwiegenden Verstand und konnte sich in alle Vorstellungsarten versetzen. Mit mir ging es ihm nicht so glücklich, denn hier war von Empfindungen die Rede, von denen er gar  keine  Ahnung  hatte,  und  so  schonend,  teilnehmend  und  verständig  er  mit  mir  über  meine Gesinnungen sprach, so war es mir doch auffallend, daß er von dem, worin der Grund aller meiner Handlungen lag, offenbar keinen Begriff hatte. So   geheim   er   übrigens   war,   entdeckte   sich   doch   der   Endzweck   seines   ungewöhn lichen Aufenthalts bei uns nach einiger Zeit. Er hatte, wie man endlich bemerken konnte, sich unter uns die  jüngste  Schwester  ausersehen,  um  sie  nach  seinem  Sinne  zu  verheiraten  und  glücklich  zu machen; und gewiß, sie konnte nach ihren körperlichen und geistigen  Gaben, besonders wenn sich ein ansehnliches Vermögen noch mit auf die Schale legte, auf die ersten Partien Anspruch machen. Seine  Gesinnungen  gegen  mich  gab  er  gleichfalls  pantomimisch  zu  erkennen,  indem  er  mir  den Platz einer Stiftsdame verschaffte, wovon ich sehr bald auch die Einkünfte zog. Meine Schwester war mit seiner Fürsorge nicht so zufrieden und nicht so dankbar wie ich. S ie entdeckte  mir  eine  Herzensangelegenheit,  die  sie  bisher  sehr  weislich  verborgen  hatte:  denn  sie fürchtete wohl, was auch wirklich geschah, daß ich ihr auf alle mögliche Weise die Verbindung mit einem Manne, der ihr nicht hätte gefallen sollen, widerraten würde. Ich tat mein möglichstes, und es gelang  mir.  Die  Absichten  des  Oheims  waren  zu  ernsthaft  und  zu  deutlich  und  die  Aussicht  für meine Schwester bei ihrem Weltsinne zu reizend, als daß sie nicht eine Neigung, die ihr Verstand selbst mißbilligte, aufzugeben Kraft hätte haben sollen. Da sie nun den sanften Leitungen des Oheims nicht mehr wie bisher auswich, so war der Grund zu  seinem  Plane  bald  gelegt.  Sie  ward  Hofdame  an  einem  benachbarten  Hofe,  wo  er  sie  einer Freundin,   die   als   Oberhofmeisterin   in   großem   Ansehn   stand,   zur   Aufsicht   und   Ausbildung übergeben konnte. Ich begleitete sie zu dem Ort ihres neuen Aufenthaltes. Wir konnten beide mit 189
  
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