Title:

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Home
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

waren schlau genug, die Sache dergestalt zu verdecken, daß die Eltern  nicht mehr davon einsahen, als wir für gut hielten. Nun  hatte  ich  auf  einmal  zwei  Liebhaber  bekommen.  Ich  war  für  keinen  entschieden;  sie gefielen mir beide, und wir standen aufs beste zusammen. Auf einmal ward der ältere sehr krank; ich war selbst schon oft sehr krank gewesen und wußte den Leidenden durch Übersendung mancher Artigkeiten  und  für  einen  Kranken  schicklicher  Leckerbissen  zu  erfreuen,  daß  seine  Eltern  die Aufmerksamkeit dankbar erkannten, der Bitte des lieben Sohns Gehör gaben und mich samt meinen Schwestern,  sobald  er  nur  das  Bette  verlassen  hatte, zu ihm einluden. Die Zärtlichkeit, womit er mich empfing, war nicht kindisch, und von dem Tage  an war ich für ihn entschieden. Er warnte mich gleich, vor seinem Bruder geheim zu sein; allein das Feuer war nicht mehr zu verbergen, und die  Eifersucht  des  Jüngern  machte  den  Roman  vollkommen. Er spielte uns tausend Streiche; mit Lust  vernichtete  er  unsre  Freude  und  vermehrte  dadurch  die  Leidenschaft,  die  er  zu  zerstören suchte. Nun hatte ich denn wirklich das gewünschte Schäfchen gefunden, und diese Leidenschaft hatte, wie  sonst  eine  Krankheit,  die  Wirkung  auf  mich,  daß  sie  mich  still  machte  und  mich  von  der schwärmenden  Freude  zurückzog.  Ich  war  einsam  und  gerührt,  und  Gott  fiel  mir  wieder  ein.  Er blieb   mein   Vertrauter,   und   ich   weiß   wohl,   mit   welchen   Tränen   ich   für   den   Knaben,   der fortkränkelte, zu beten anhielt. Soviel Kindisches in dem Vorgang war, soviel trug er zur Bildung meines Herzens bei. Unserm französischen Sprachmeister mußten wir täglich  statt der sonst gewöhnlichen Übersetzung Briefe von  unsrer  eignen  Erfindung  schreiben.  Ich  brachte  meine  Liebesgeschichte  unter  dem  Namen Phyllis und Damon zu Markte. Der Alte sah bald durch, und um mich treuherzig zu machen, lobte er meine Arbeit gar sehr. Ich wurde immer kühner, ging offenherzig heraus und war bis ins Detail der Wahrheit getreu. Ich weiß nicht mehr, bei welcher Stelle er einst Gelegenheit nahm zu sagen: »Wie das artig, wie das natürlich ist! Aber die gute Phyllis mag sich in acht nehmen, es kann bald ernsthaft werden.« Mich  verdroß,  daß  er  die  Sache  nicht  schon  für  ernsthaft  hielt,  und  fragte  ihn  pikiert,  was  er unter ernsthaft verstehe? Er ließ sich nicht zweimal fragen und erklärte sich so deutlich, daß ich meinen  Schrecken  kaum  verbergen  konnte.  Doch  da  sich  gleich  darauf  bei  mir  der  Verdruß einstellte  und  ich  ihm  übelnahm,  daß  er  solche  Gedanken  hegen  könne,  faßte  ich  mich,  wollte meine  Schöne  rechtfertigen  und  sagte  mit  feuerroten  Wangen:  »Aber,  mein  Herr,  Phyllis  ist  ein ehrbares Mädchen!« Nun  war  er  boshaft  genug,  mich  mit  meiner  ehrbaren  Heldin  aufzuziehen  und,  indem  wir Französisch  sprachen,  mit  dem  »honnête«  zu  spielen,  um  die  Ehrbarkeit  der  Phyllis  durch  alle Bedeutungen durchzuführen. Ich fühlte das Lächerliche und war äußerst verwirrt. Er, der mich nicht furchtsam machen wollte, brach ab, brachte aber das Gespräch bei andern Gelegenheiten wieder auf die Bahn. Schauspiele und kleine Geschichten, die  ich bei ihm las und übersetzte, gaben ihm oft Anlaß zu zeigen, was für ein schwacher Schutz die sogenannte Tugend gegen die Aufforderungen eines  Affekts  sei.  Ich  widersprach  nicht  mehr,  ärgerte  mich  aber  immer  heimlich,  und  seine Anmerkungen wurden mir zur Last. Mit meinem guten Damon kam ich auch nach und nach aus aller Verbindung. Die Schikanen des Jüngern hatten unsern Umgang zerrissen. Nicht lange Zeit darauf starben beide blühende Jün glinge. Es tat mir weh, aber bald waren sie vergessen. Phyllis wuchs nun schnell heran, war ganz gesund und fing an, die Welt zu sehen. Der Erbprinz vermählte sich und trat bald darauf nach dem Tode seines Vaters die Regierung an. Hof und Stadt waren  in  lebhafter  Bewegung.  Nun  hatte  meine  Neugierde  mancherlei  Nahrung.  Nun  gab  es Komödien, Bälle und was sich daran anschließt, und  ob uns gleich die Eltern soviel als möglich zurückhielten,  so  mußte  man  doch  bei  Hof,  wo  ich  eingeführt  war,  erscheinen.  Die  Fremden strömten herbei, in allen Häusern war große Welt, an uns selbst waren einige Kavaliere empfohlen und andre introduziert, und bei meinem Oheim waren alle Nationen anzutreffen. Mein  ehrlicher  Mentor  fuhr  fort,  mich  auf  eine  bescheidene  und  doch  treffende  Weise  zu warnen, und ich nahm es ihm immer heimlich übel. Ich war keinesweges von der Wahrheit seiner 179
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsges...
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Einführung in das Bürgerliche Recht: Grundku...
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/G/goethe

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  Home  |  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum