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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Grenze hat, woran man sein Urteil anlehnen könnte. Es scheint mir kein Vorteil zu sein, daß wir unser  Theater  gleichsam  zu  einem  unendlichen  Naturschauplatze  ausgeweitet  haben;  doch  kann jetzt weder Direktor noch Schauspieler sich in die Enge ziehen, bis vielleicht der Geschmack der Nation in der Folge den rechten Kreis selbst bezeichnet. Eine jede gute Sozietät existiert nur unter gewissen  Bedingungen,  so  auch  ein  gutes  Theater.  Gewisse  Manieren  und  Redensarten,  gewisse Gegenstände und Arten des Betragens müssen ausgeschlossen sein. Man wird nicht ärmer, wenn man sein Hauswesen zusammenzieht.« Sie waren hierüber mehr oder weniger einig und uneinig. Wilhelm und die meisten waren auf der Seite des englischen, Serlo und einige auf der Seite des französische n Theaters. Man ward einig, in leeren Stunden, deren ein Schauspieler leider so viele hat, in Gesellschaft die berühmtesten  Schauspiele  beider  Theater  durchzugehen  und  das  Beste  und  Nachahmenswerte derselben  zu  bemerken.  Man  machte  auch  wirklich  einen  Anfang  mit  einigen  französischen Stücken. Aurelie entfernte sich jedesmal, sobald die Vorlesung anging. Anfangs hielt man sie für krank; einst aber fragte sie Wilhelm darüber, dem es aufgefallen war. »Ich werde bei keiner solchen Vorlesung gegenwärtig sein«, sagte sie, »denn wie soll ich hören und  urteilen,  wenn  mir  das  Herz  zerrissen  ist?  Ich  hasse  die  französische  Sprache  von  ganzer Seele.« »Wie kann man einer Sprache feind sein«, rief Wilhelm aus, »der man den größten Teil seiner Bildung schuldig ist und der wir noch viel schuldig werden müssen, ehe unser Wesen eine Gestalt gewinnen kann?« »Es   ist   kein   Vorurteil!«   versetzte   Aurelie,   »ein   unglücklich er   Eindruck,   eine   verhaßte Erinnerung  an  meinen  treulosen  Freund  hat  mir  die  Lust  an  dieser  schönen  und  ausgebildeten Sprache   geraubt.   Wie   ich   sie   jetzt   von   ganzem   Herzen   hasse!   Während   der   Zeit   unserer freundschaftlichen  Verbindung  schrieb  er  Deutsch,  und  welch  ein  herzliches,  wahres,  kräftiges Deutsch!  Nun,  da  er  mich  los  sein  wollte,  fing  er  an,  Französisch  zu  schreiben,  das  vorher manchmal nur im Scherze geschehen war. Ich fühlte, ich merkte, was es bedeuten sollte. Was er in seiner  Muttersprache  zu  sagen  errötete,  konnte  er  nun  mit  gutem  Gewissen  hinschreiben.  Zu Reservationen, Halbheiten und Lügen ist es eine treffliche Sprache; sie ist eine perfide Sprache! Ich finde, Gott sei Dank! kein deutsches Wort, um ›perfid‹ in seinem ganzen Umfange auszudrücken. Unser  armseliges  treulos  ist  ein  unschuldiges  Kind  dagegen.  Perfid  ist  treulos  mit  Genuß,  mit Übermut  und  Schadenfreude.  Oh,  die  Ausbildung  einer  Nation  ist  zu  beneiden,  die  so  feine Schattierungen  in  einem  Worte  auszudrücken  weiß!  Französisch  ist  recht  die  Sprache  der  Welt, wert,  die  allgemeine  Sprache  zu  sein,  damit  sie  sich  nur  alle  untereinander  recht  betrügen  und belügen können! Seine französischen Briefe ließen sich noch immer gut genug lesen. Wenn man sich’s einbilden wollte, klangen sie warm und selbst leidenschaftlich; doch genau besehen waren es Phrasen, vermaledeite Phrasen! Er hat mir alle Freude an der ganzen Sprache, an der französischen Literatur,   selbst   an   dem   schönen   und   köstlichen   Ausdruck   edler   Seelen   in   dieser   Mundart verdorben; mich schaudert, wenn ich ein französisches Wort höre!« Auf  diese  Weise  konnte  sie  stundenlang  fortfahren,  ihren  Unmut  zu  zeigen  und  jede  andere Unterhaltung zu unterbrechen oder zu verstimmen. Serlo machte früher oder später ihren launischen Äußerungen mit einiger Bitterkeit ein Ende; aber gewöhnlich war für diesen Abe nd das Gespräch zerstört. Überhaupt ist es leider der Fall, daß alles, was durch mehrere zusammentreffende Menschen und Umstände hervorgebracht werden soll, keine lange Zeit sich vollkommen erhalten kann. Von einer Theatergesellschaft so gut wie von einem Reiche, von einem Zirkel Freunde so gut wie von einer Armee   läßt   sich   gewöhnlich   der   Moment   angeben,   wenn   sie   auf   der   höchsten   Stufe   ihrer Vollkommenheit,  ihrer  Übereinstimmung,  ihrer  Zufriedenheit  und  Tätigkeit  standen;  oft  aber verändert sich schnell das Personal, neue Glieder treten hinzu, die Personen passen nicht mehr zu den Umständen, die Umstände nicht mehr zu den Personen; es wird alles anders, und was vorher verbunden war, fällt nunmehr bald auseinander. So konnte man sagen, daß Serlos Gesellschaft eine Zeitlang  so  vollkommen  war,  als  irgend  eine  deutsche  sich  hätte  rühmen  können.  Die  meisten Schauspieler standen an ihrem Platze; alle hatten genug zu tun, und alle taten gern, was zu tun war. 169
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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