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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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mein Herz wandte, kannst du leicht denken. Auch war nichts vergessen, um meine Muse kenntlich zu  machen.  Kronen  und  Dolche,  Ketten  und  Masken,  wie  sie  mir  meine  Vorgänger  überliefert hatten,  waren  ihr  auch  hier  zugeteilt.  Der  Wettstreit  war  heftig,  die  Reden  beider  Personen kontrastierten gehörig, da man im vierzehnten Jahre gewöhnlich das Schwarze und Weiße recht nah aneinander  zu  malen  pflegt.  Die  Alte  redete,  wie  es  einer  Person  geziemt,  die  eine  Stecknadel aufhebt,  und  jene  wie  eine,  die  Königreiche  verschenkt.  Die  warnenden  Drohungen  der  Alten wurden verschmäht; ich sah die mir versprochenen Reichtümer schon mit dem Rücken an: enterbt und  nackt  übergab  ich  mich  der  Muse,  die  mir  ihren  goldnen  Schleier  zuwarf  und  meine  Blöße bedeckte. – Hätte ich denken können, o meine Geliebte!« rief er aus, indem er Marianen fest an sich drückte, »daß eine ganz andere, eine lieblichere Gottheit kommen, mich in meinem Vorsatz stärken, mich auf meinem Wege begleiten würde; welch eine schönere Wendung würde mein Gedicht genommen haben, wie interessant würde nicht der Schluß desselben geworden s ein! Doch es ist kein Gedicht, es ist Wahrheit und Leben, was ich in deinen Armen finde; laß uns das süße Glück mit Bewußtsein genießen!« Durch den Druck seines Armes, durch die Lebhaftigkeit seiner erhöhten Stimme war Mariane erwacht und verbarg durch Liebkosungen ihre Verlegenheit: denn sie hatte auch nicht ein Wort von dem letzten Teile seiner Erzählung vernommen, und es ist zu wünschen, daß unser Held für seine Lieblingsgeschichten aufmerksamere Zuhörer künftig finden möge. Neuntes Kapitel So  brachte  Wilhelm  seine  Nächte  im  Genusse  vertraulicher  Liebe,  seine  Tage  in  Erwartung neuer seliger Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als ihn Verlangen und Hoffnung zu Marianen hinzog, fühlte er sich wie neu belebt, er fühlte, daß er ein anderer Mensch zu werden beginne; nun war er mit  ihr  vereinigt,  die  Befriedigung  seiner  Wünsche  ward  eine  reizende  Gewohnheit.  Sein  Herz strebte, den Gegenstand seiner Leidenschaft zu veredeln, sein Geist, das geliebte Mädchen mit sich emporzuheben.   In   der   kleinsten   Abwesenheit   ergriff   ihn   ihr   Andenken.   War   sie   ihm   sonst notwendig gewesen, so war sie ihm jetzt unentbehrlich, da er mit allen Banden der Menschheit an sie geknüpft war. Seine reine Seele fühlte, daß sie die Hälfte, mehr als die Hälfte seiner selbst sei. Er war dankbar und hingegeben ohne Grenzen. Auch  Mariane  konnte  sich  eine  Zeitlang  täuschen;  sie  teilte  die  Empfindung  seines  lebhaften Glücks mit ihm. Ach! wenn nur nicht manchmal  die kalte Hand des Vorwurfs ihr über das Herz gefahren wäre! Selbst an dem Busen Wilhelms war sie nicht sicher davor, selbst unter den Flügeln seiner  Liebe.  Und  wenn  sie  nun  gar  wieder  allein  war  und  aus  den  Wolken,  in  denen  seine Leidenschaft  sie  emportrug,  in  das  Bewußtsein  ihres  Zustandes  herabsank,  dann  war  sie  zu bedauern. Denn Leichtsinn kam ihr zu Hülfe, solange sie in niedriger Verworrenheit lebte, sich über ihre Verhältnisse betrog oder vielmehr sie nicht kannte; da erschienen ihr die Vorfälle, denen sie ausgesetzt  war,  nur  einzeln:  Vergnügen  und  Verdruß  lösten  sich  ab,  Demütigung  wurde  durch Eitelkeit,   und   Mangel   oft   durch   augenblicklichen   Überfluß   vergü tet;   sie   konnte   Not   und Gewohnheit   sich   als   Gesetz   und   Rechtfertigung   anführen,   und   so   lange   ließen   sich   alle unangenehmen Empfindungen von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tage abschütteln. Nun aber hatte das  arme  Mädchen  sich  Augenblicke  in  eine  bessere  Welt  hinübergerückt  gefühlt,  hatte  wie  von oben herab aus Licht und Freude ins Öde, Verworfene ihres Lebens heruntergesehen, hatte gefühlt, welche  elende  Kreatur  ein  Weib  ist,  das  mit  dem  Verlangen  nicht  zugleich  Liebe  und  Ehrfurcht einflößt,  und  fand  sich  äußerlich  und  innerlich  um  nichts  gebessert.  Sie  hatte  nichts,  was  sie aufrichten konnte. Wenn sie in sich blickte und suchte, war es in ihrem Geiste leer, und ihr Herz hatte keinen Widerhalt. Je trauriger dieser Zustand war, desto heftiger schloß sich ihre Neigung an 16
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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