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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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In der Zwischenzeit sah man nur zwei große  Männer in weißen Mänteln und Kapuzen in den Kulissen  stehen,  und  Wilhelm,  dem  in  der  Zerstreuung,  Unruhe  und  Verlegenheit  der  erste Monolog,  wie  er  glaubte,  mißglückt  war,  trat,  ob  ihn  gleich  ein  lebhafter  Beifall  beim  Abgehen begleitete,  in  der  schauerlichen  dramatischen  Winternacht  wirklich  recht  unbehaglich  auf.  Doch nahm er sich zusammen und sprach die so zweckmäßig angebrachte Stelle über das Schmausen und Trinken der Nordländer mit der gehörigen Gleichgültigkeit, vergaß, so wie die Zuschauer, darüber des Geistes und erschrak wirklich, als Horatio ausrief: »Seht her, es kommt!« Er fuhr mit Heftigkeit herum, und die edle, große Gestalt, der leise, unhörbare Tritt, die leichte Bewegung in der schwer scheinenden Rüstung machten einen so starken Eindruck auf ihn, daß er wie versteinert dastand und nur mit halber Stimme: »Ihr Engel und himmlischen Geister, beschützt uns!« ausrufen konnte. Er starrte ihn an, holte einigemal Atem und brachte die Anrede an den Geist so verwirrt, zerstückt und gezwungen vor, daß die größte Kunst sie nicht so trefflich hä tte ausdrücken können. Seine  Übersetzung  dieser  Stelle  kam  ihm  sehr  zustatten.  Er  hatte  sich  nahe  an  das  Original gehalten, dessen Wortstellung ihm die Verfassung eines überraschten, erschreckten, von Entsetzen ergriffenen Gemüts einzig auszudrücken schien. »Sei  du  ein  guter  Geist,  sei  ein  verdammter  Kobold,  bringe  Düfte  des  Himmels  mit  dir  oder Dämpfe der Hölle, sei Gutes oder Böses dein Beginnen, du kommst in einer so würdigen Gestalt, ja ich rede mit dir, ich nenne dich Hamlet, König, Vater, o antworte mir!« – Man spürte im Publiko die größte Wirkung. Der Geist winkte, der Prinz folgte ihm unter dem lautesten Beifall. Das  Theater  verwandelte  sich,  und  als  sie  auf  den  entfernten  Platz  kamen,  hielt  der  Geist unvermutet  inne  und  wandte  sich  um;  dadurch  kam  ihm  Hamlet  etwas  zu  nahe  zu  stehen.  Mit Verlangen und Neugierde sah Wilhelm sogleich zwischen das niedergelassene Visier hinein, konnte aber  nur  tiefliegende  Augen  neben  einer  wohlgebildeten  Nase  erblicken.  Furchtsam  ausspähend stand er vor ihm; allein als die ersten Töne aus dem Helme hervordrangen, als eine wohlklingende, nur ein wenig rauhe Stimme sich in den Worten hören ließ: »Ich bin der Geist deines Vaters«, trat Wilhelm  einige  Schritte  schaudernd  zurück,  und  das  ganze  Publikum  schauderte.  Die  Stimme schien jedermann bekannt, und Wilhelm glaubte eine Ähnlichkeit mit der Stimme seines Vaters zu bemerken.  Diese  wunderbaren  Empfindungen  und  Erinnerungen,  die  Neugierde,  den  seltsamen Freund  zu  entdecken,  und  die  Sorge,  ihn  zu  beleidigen,  selbst  die  Unschicklichkeit,  ihm  als Schauspieler  in  dieser  Situation  zu  nahe  zu  treten,  bewegten  Wilhelmen  nach  entgegengesetzten Seiten.  Er  veränderte  während  der  langen  Erzählung  des  Geistes  seine  Stellung  so  oft,  schien  so unbestimmt   und   verlegen,   so   aufmerksam   und   so   zerstreut,   daß   sein   Spiel   eine   allgemeine Bewunderung so wie der Geist ein allgemeines Entsetzen erregte. Dieser sprach mehr mit einem tiefen Gefühl des Verdrusses als des Jammers, aber eines geistigen, langsamen und unübersehlichen Verdrusses. Es war der Mißmut einer großen Seele, die von allem Irdischen getrennt ist und doch unendlichen  Leiden  unterliegt.  Zuletzt  versank  der  Geist,  aber  auf  eine  sonderbare  Art:  denn  ein leichter, grauer, durchsichtiger Flor, der wie ein Dampf aus der Versenkung zu steigen schien, legte sich über ihn weg und zog sich mit ihm hinunter. Nun kamen Hamlets Freunde zurück und schwuren auf das Schwert. Da war der alte Maulwurf so geschäftig unter der Erde, daß er ihnen, wo  sie auch stehen mochten, immer unter den Füßen rief: »Schwört!« und sie, als ob der Boden unter ihnen brennte, schnell von einem Ort zum andern eilten. Auch erschien da, wo sie standen, jedesmal eine kleine Flamme aus dem Boden, vermehrte die Wirkung und hinterließ bei allen Zuschauern den tiefsten Eindruck. Nun ging das Stück unaufhaltsam seinen Gang fort, nichts mißglückte, alles geriet; das Publikum bezeigte  seine  Zufriedenheit;  die  Lust  und  der  Mut  der  Schauspieler  schi en  mit  jeder  Szene zuzunehmen. 159
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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