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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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alle  Rollen  denken  konnte,  verführte  mich  zu  glauben,  daß  ich  auch  alle  darstellen  würde; gewöhnlich  wählte  ich  daher  bei  der  Austeilung  diejenigen,  welche   sich  gar  nicht  für  mich schickten, und wenn es nur einigermaßen angehn wollte, wohl gar ein paar Rollen. Kinder wissen beim Spiele aus allem alles zu machen; ein Stab wird zur Flinte, ein Stückchen Holz  zum  Degen,  jedes  Bündelchen  zur  Puppe  und  jeder  Winkel  zur  Hütte.  In  diesem  Sinne entwickelte sich unser Privattheater. Bei der völligen Unkenntnis unserer Kräfte unternahmen wir alles, bemerkten kein qui pro quo und waren überzeugt, jeder müsse uns dafür nehmen, wofür wir uns  gaben.  Leider  ging  alles  einen  so  gemeinen  Gang,  daß  mir  nicht  einmal  eine  merkwürdige Albernheit  zu  erzählen  übrigbleibt.  Erst  spielten  wir  die  wenigen  Stücke  durch,  in  welchen  nur Mannspersonen  auftreten;  dann  verkleideten  wir  einige  aus  unserm  Mittel  und  zogen  zuletzt  die Schwestern mit ins Spiel. In einigen Häusern hielt man es für eine nützliche Beschäftigung und lud Gesellschaften darauf. Unser Artillerielieutenant verließ uns auch hier nicht. Er zeigte uns, wie wir kommen  und  gehen,  deklamieren  und  gestikulieren  sollten;  allein  er  erntete  für  seine  Bemühung meistens  wenig  Dank,  indem  wir  die  theatralischen  Künste  schon  besser  als  er  zu  verstehen glaubten. Wir verfielen gar bald auf das Trauerspiel: denn wir hatten oft sagen hören und glaubten selbst, es sei leichter, eine Tragödie zu schreiben und vorzustellen, als im Lustspiele vollkommen zu sein. Auch fühlten wir uns beim ersten tragischen Versuche ganz in unserm Elemente; wir suchten uns der Höhe des Standes, der Vortrefflichkeit der Charaktere durch Steifheit und Affektation zu nähern und dünkten uns durchaus nicht wenig; allein vollkommen glücklich waren wir nur, wenn wir recht rasen, mit den Füßen stampfen und uns wohl gar vor Wut und Verzweiflung auf die Erde werfen durften. Knaben  und  Mädchen  waren  in  diesen  Spielen  nicht  lange  beisammen,  als  die  Natur  sich  zu regen und die Gesellschaft sich in verschiedene kleine Liebesgeschichten zu teilen anfing, da denn meistenteils Komödie in der Komödie gespielt wurde. Die glücklichen Paare drückten sich hinter den Theaterwänden die Hände auf das zärtlichste; sie verschwammen in Glückseligkeit, wenn sie einander,   so   bebändert   und   aufgeschmückt,   recht   idealisch   vorkamen,   indes   gegenüber   die unglücklichen  Nebenbuhler  sich  vor  Neid  verzehrten  und  mit  Trotz  und  Schadenfreude  allerlei Unheil anrichteten. Diese  Spiele,  obgleich  ohne  Verstand  unternommen  und  ohne  Anleitung  durchgeführt,  waren doch nicht ohne Nutzen für uns. Wir übten unser Gedächtnis und unsern Körper und erlangten mehr Geschmeidigkeit im Sprechen und Betragen, als man sonst in so frühen Jahren gewinnen kann. Für mich aber war jene Zeit besonders Epoche, mein Geist richtete sich ganz nach dem Theater, und ich fand kein größer Glück, als Schauspiele zu lesen, zu schreiben  und zu spielen. Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort; man hatte mich dem Handelsstand gewidmet und zu unserm Nachbar auf das Comptoir getan; aber eben zu selbiger Zeit entfernte sich mein Geist nur gewaltsamer  von  allem,  was  ich  für  ein  niedriges  Geschäft  halten  mußte.  Der  Bühne  wollte  ich meine ganze Tätigkeit widmen, auf ihr mein Glück und meine Zufriedenheit finden. Ich erinnere mich noch eines Gedichtes, das sich unter meinen Papieren finden muß, in welchem die  Muse  der  tragischen  Dichtkunst  und  eine  andere  Frauengestalt,  in  der  ich  das  Gewerbe personifiziert hatte, sich um meine werte Person recht wacker zanken. Die Erfindung ist gemein, und ich erinnere mich nicht, ob die Verse etwas taugen; aber ihr sollt es sehen, um der Furcht, des Abscheues, der Liebe und der Leidenschaft willen, die darin herrschen. Wie ängstlich hatte ich die alte Hausmutter geschildert mit dem Rocken im Gürtel, mit Schlüsseln an der Seite, Brillen auf der Nase,  immer  fleißig,  immer  in  Unruhe,  zänkisch  und  haushälterisch,  kleinlich  und  beschwerlich! Wie  kümmerlich  beschrieb  ich  den  Zustand  dessen,  der  sich  unter  ihrer  Rute  bücken  und  sein knechtisches Tagewerk im Schweiße des Angesichts verdienen sollte! Wie  anders  trat  jene  dagegen  auf!  Welche  Erscheinung  ward  sie  dem  bekümmerten  Herzen! Herrlich  gebildet,  in  ihrem  Wesen  und  Betragen  als  eine  Tochter  der  Freiheit  anzusehen.  Das Gefühl ihrer selbst gab ihr Würde ohne Stolz; ihre Kleider ziemten ihr, sie umhüllten jedes Glied, ohne  es  zu  zwängen,  und  die  reichlichen  Falten  des  Stoffes  wiederholten  wie  ein  tausendfaches Echo  die  reizenden  Bewegungen  der  Göttlichen.  Welch  ein  Kontrast!  Und  auf  welche  Seite  sich 15
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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