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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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In   dieser   Verlegenheit   gingen   wir   wieder   den   Lieutenant   an,   dem   wir   eine   weitläufige Beschreibung  von  der  Herrlichkeit  machten,  die  es  geben  sollte.  Sowenig  er  uns  begriff,  so behülflich   war   er,   schob   in   eine   kleine   Stube,   was   sich   von   Tischen   im   Hause   und   der Nachbarschaft   nur   finden   wollte,   aneinander,   stellte   die   Wände   darauf,   machte   eine   hintere Aussicht von grünen Vorhängen, die Bäume wurden auch gleich mit in die Reihe gestellt. Indessen  war  es  Abend  geworden,  man  hatte  die  Lichter  angezündet,  die  Mägde  und  Kinder saßen auf ihren Plätzen, das Stück sollte angehn, die ganze Heldenschar war angezogen; nun spürte aber jeder zum erstenmal, daß er nicht wisse, was er zu sagen habe. In der Hitze der Erfindung, da ich ganz von meinem Gegenstande durchdrungen war, hatte ich vergessen, daß doch jeder wissen müsse,  was  und  wo  er  es  zu  sagen  habe;  und  in  der  Lebhaftigkeit  der  Ausführung  war  es  den übrigen auch nicht beigefallen: sie glaubten, sie würden sich leicht als Helden darstellen, leicht so handeln und reden können wie die Personen, in deren Welt ich sie versetzt hatte. Sie standen alle erstaunt,  fragten  sich  einander,  was  zuerst  kommen  sollte,  und  ich,  der  ich  mich  als  Tankred vornean gedacht hatte, fing, allein auftretend, einige Verse aus dem Heldengedichte herzusagen an. Weil aber die Stelle gar zu bald ins Erzählende überging und ich in meiner eignen Rede endlich als dritte Person vorkam, auch der Gottfried, von dem die Sprache war, nicht herauskommen wollte, so mußte ich unter großem Gelächter meiner Zuschauer eben wieder abziehen: ein Unfall, der mich tief  in  der  Seele  kränkte.  Verunglückt  war  die  Expedition;  die  Zuschauer  saßen  da  und  wollten etwas  sehen.  Gekleidet  waren  wir;  ich  raffte  mich  zusammen  und  entschloß  mich  kurz  und  gut, ›David  und  Goliath‹  zu  spielen.  Einige  der  Gesellschaft  hatten  ehemals  das  Puppenspiel  mit  mir aufgeführt, alle hatten es oft gesehn; man teilte die Rollen aus, es versprach jeder, sein Bestes zu tun,  und  ein  kleiner  drolliger  Junge  malte  sich  einen  schwarzen  Bart,  um,  wenn  ja  eine  Lücke einfallen sollte, sie als Hanswurst mit einer Posse auszufüllen, eine Anstalt, die ich, als dem Ernste des Stückes zuwider, sehr ungern geschehen ließ. Doch schwur ich mir, wenn ich nur einmal aus dieser  Verlegenheit  gerettet  wäre,  mich  nie,  als  mit  der  größten  Überlegung,  an  die  Vorstellung eines Stücks zu wagen.« Achtes Kapitel Mariane, vom Schlaf überwältigt, lehnte sich an ihren Geliebten, der sie fest an sich drückte und in seiner Erzählung fortfuhr, indes die Alte den Überrest des Weins mit gutem Bedachte genoß. »Die Verlegenheit«, sagte er, »in der ich mich mit meinen Freunden befunden hatte, indem wir ein Stück, das nicht existierte, zu spielen unternahmen, war bald vergessen. Meiner Leidenschaft, jeden Roman, den ich las, jede Geschichte, die man mich lehrte, in einem Schauspiele darzustellen, konnte selbst der unbiegsamste Stoff nicht widerstehen. Ich war völlig überzeugt, daß alles, was in der  Erzählung  ergötzte,  vorgestellt  eine  viel  größere  Wirkung  tun  müsse;  alles  sollte  vor  meinen Augen,  alles  auf  der  Bühne  vorgehen.  Wenn  uns  in  der  Schule  die  Weltgeschichte  vorgetragen wurde, zeichnete ich mir sorgfältig aus, wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder vergiftet wurde,  und  meine  Einbildungskraft  sah  über  Exposition  und  Verwicklung  hinweg  und  e ilte  dem interessanten  fünften  Akte  zu.  So  fing  ich  auch  wirklich  an,  einige  Stücke  von  hinten  hervor  zu schreiben, ohne daß ich auch nur bei einem einzigen bis zum Anfange gekommen wäre. Zu gleicher Zeit las ich, teils aus eignem Antrieb, teils auf Veranlassung meiner guten Freunde, welche   in   den   Geschmack   gekommen   waren,   Schauspiele   aufzuführen,   einen   ganzen   Wust theatralischer  Produktionen  durch,  wie  sie  der  Zufall  mir  in  die  Hände  führte.  Ich  war  in  den glücklichen  Jahren,  wo  uns  noch  alles  gefällt,  wo  wir  in  der  Menge  und  Abwechslung  unsre Befriedigung  finden.  Leider  aber  ward  mein  Urteil  noch  auf  eine  andere  Weise  bestochen.  Die Stücke gefielen mir besonders, in denen ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige, die ich nicht in dieser angenehmen Täuschung durchlas; und meine lebhafte Vorstellungskraft, da ich mich in 14
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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