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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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Einen Teil meiner jungen Gesellen sah ich nun wohlgerüstet; die übrigen wurden auch nach und nach, doch geringer, ausstaffiert, und es kam ein stattliches Korps zusammen. Wir marschierten in Höfen   und   Gärten,   schlugen   uns   brav   auf   die   Schilde   und   auf   die   Köpfe;   es   gab   manche Mißhelligkeit, die aber bald beigelegt war. Dieses Spiel, das die andern sehr unterhielt, war kaum etlichemal getrieben worden, als es mich schon nicht mehr befriedigte. Der Anblick so vieler gerüsteten Gestalten mußte in mir notwendig die  Ritterideen  aufreizen,  die  seit  einiger  Zeit,  da  ich  in  das  Lesen  alter  Romane  gefallen  war, meinen Kopf anfüllten. ›Das  befreite  Jerusalem‹,  davon  mir  Koppens  Übersetzung  in  die  Hände  fiel,  gab  meinen herumschweifenden Gedanken endlich eine bestimmte Richtung. Ganz konnte ich zwar das Gedicht nicht  lesen;  es  waren  aber  Stellen,  die  ich  auswendig  wußte,  deren  Bilder  mich  umschwebten. Besonders fesselte mich Chlorinde mit ihrem ganzen Tun und Lassen. Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres Daseins taten mehr Wirkung auf den Geist, der sich zu entwickeln anfing, als die gemachten Reize Armidens, ob ich gleich ihren Garten nicht verachtete. Aber hundert- und hundertmal, wenn ich abends auf dem Altan, der zwischen den Giebeln des Hauses angebracht ist, spazierte, über die Gegend hinsah und von der hinabgewichenen Sonne ein zitternder  Schein  am  Horizont  heraufdämmerte,  die  Sterne  hervortraten,  aus  allen  Winkeln  und Tiefen die Nacht hervordrang und der klingende Ton der Grillen durch die feierliche Stille schrillte, sagte ich mir die Geschichte des traurigen Zweikampfs zwischen Tankred und Chlorinden vor. Sosehr ich, wie billig, von der Partei der Christen war, stand ich doch der heidnischen Heldin mit ganzem Herzen bei, als sie unternahm, den großen Turm der Belagerer anzuzünden. Und wie nun Tankred dem vermeinten Krieger in der Nacht begegnet, unter der düstern Hülle der  Streit beginnt und sie gewaltig kämpfen! – Ich konnte nie die Worte aussprechen: ›Allein das Lebensmaß Chlorindens ist nun voll, Und ihre Stunde kommt, in der sie sterben soll!‹, daß  mir  nicht  die  Tränen  in  die  Augen  kamen,  die  reichlich  flossen,  wie  der  unglückliche Liebhaber  ihr  das  Schwert  in  die  Brust  stößt,  der  Sinkenden  den  Helm  löst,  sie  erkennt  und  zur Taufe bebend das Wasser holt. Aber  wie  ging  mir  das  Herz  über,  wenn  in  dem  bezauberten  Walde  Tankredens  Schwert  den Baum trifft, Blut nach dem Hiebe fließt und eine Stimme ihm in die Ohren tönt, daß er auch hier Chlorinden verwunde, daß er vom Schicksal bestimmt sei, das, was er liebt, überall unwissend zu verletzen! Es bemächtigte sich die Geschichte meiner Einbildungskraft so, daß sich mir, was ich von dem Gedichte  gelesen  hatte,  dunkel  zu  einem  Ganzen  in  der  Seele  bildete,  von  dem  ich  dergestalt eingenommen war, daß ich es auf irgendeine Weise vorzustellen gedachte. Ich wollte Tankreden und Reinalden spielen und fand dazu zwei Rüstungen ganz bereit, die i ch schon gefertiget hatte. Die  eine,  von  dunkelgrauem  Papier  mit  Schuppen,  sollte  den  ernsten  Tankred,  die  andere,  von Silber-  und  Goldpapier,  den  glänzenden  Reinald  zieren.  In  der  Lebhaft igkeit  meiner  Vorstellung erzählte ich alles meinen Gespanen, die davon ganz entzückt wurden und nur nicht wohl begreifen konnten, daß das alles aufgeführt, und zwar von ihnen aufgeführ t werden sollte. Diesen Zweifeln half ich mit vieler Leichtigkeit ab. Ich disponierte gleich über ein paar Zimmer in  eines  benachbarten  Gespielen  Haus,  ohne  zu  berechnen,  daß  die  alte  Tante  sie  nimmermehr hergeben würde; ebenso war es mit dem Theater, wovon ich auch keine bestimmte Idee hatte, außer daß man es auf Balken setzen, die Kulissen von geteilten spanischen Wänden hinstellen und zum Grund  ein  großes  Tuch  nehmen  müsse.  Woher  aber  die  Materialien  und  Gerätschaften  kommen sollten, hatte ich nicht bedacht. Für den Wald fanden wir eine gute Auskunft: wir gaben einem alten Bedienten aus einem der Häuser, der nun Förster geworden war, gute Worte, daß er uns junge Birken und Fichten schaffen möchte, die auch wirklich geschwinder, als wir hoffen konnten, herbeigebracht wurden. Nun aber fand  man  sich  in  großer  Verlegenheit,  wie  man  das  Stück,  eh  die  Bäume  verdorrten,  zustande bringen  könne.  Da  war  guter  Rat  teuer!  Es  fehlte  an  Platz,  am  Theater,  an  Vorhängen.  Die spanischen Wände waren das einzige, was wir hatten. 13
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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