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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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nicht mehr an Welt und Nation. Mit der Welt hatte ich nichts zu teilen, und den Begriff von Nation hatte ich verloren. Wenn ich auftrat, tat ich’s, um zu leben; ich öffnete den Mund nur, weil ich nicht schweigen durfte, weil ich doch herausgekommen war, um zu reden. Doch,  daß  ich  es  nicht  zu  arg  mache,  eigentlich  hatte  ich  mich  ganz  in  die  Absicht  meines Bruders ergeben; ihm war um Beifall und Geld zu tun: denn, unter uns, er hört sich gerne loben und braucht viel. Ich spielte nun nicht mehr nach meinem Gefühl, nach meiner Überzeugung, sondern wie er mich anwies, und wenn ich es ihm zu Danke gemacht hatte, war ich zufrieden. Er richtete sich nach allen Schwächen des Publikums; es ging Geld ein, er konnte nach seiner Willkür leben, und wir hatten gute Tage mit ihm. Ich  war  indessen  in  einen  handwerksmäßigen  Schlendrian  gefallen.  Ich  zog  meine  Tage  ohne Freude  und  Anteil  hin,  meine  Ehe  war  kinderlos  und  dauerte  nur  kurze  Zeit.  Mein  Mann  ward krank,   seine   Kräfte   nahmen   sichtbar   ab,   die   Sorge   für   ihn   unterbrach   meine   allgemeine Gleichgültigkeit. In diesen Tagen machte ich eine Bekanntschaft, mit der ein neues Leben für mich anfing, ein neues und schnelleres, denn es wird bald zu Ende sein.« Sie  schwieg  eine  Zeitlang  stille,  dann  fuhr  sie  fort:  »Auf  einmal  stockt  meine  geschwätzige Laune, und ich getraue mir den Mund nicht weiter aufzutun. Lassen Sie mich ein wenig ausruhen; Sie sollen nicht weggehen, ohne ausführlich all mein Unglück zu wissen. Rufen Sie doch indessen Mignon herein und hören, was sie will.« Das Kind war während Aureliens Erzählung einigemal im Zimmer gewesen. Da man bei seinem Eintritt leiser sprach, war es wieder weggeschlichen, saß auf dem Saale still und wartete. Als man sie wieder hereinkommen hieß, brachte sie ein Buch mit, das man bald an Form und Einband für einen  kleinen  geographischen  Atlas  erkannte.  Sie  hatte  bei  dem  Pfarrer  unterwegs  mit  großer Verwunderung die ersten Landkarten gesehen, ihn viel darüber gefragt und sich, soweit es gehen wollte,  unterrichtet.  Ihr  Verlangen,  etwas  zu  lernen,  schien  durch  diese  neue  Kenntnis  noch  viel lebhafter   zu   werden.   Sie   bat   Wilhelmen   inständig,   ihr   das   Buch   zu   kaufen.   Sie   habe   dem Bildermann ihre großen silbernen Schnallen dafür eingesetzt und wolle sie, weil es heute abend so spät geworden, morgen früh wieder einlösen. Es ward ihr bewilligt, und sie fing nun an, dasjenige, was sie wußte, teils herzusagen, teils nach ihrer Art die wunderlichsten Fragen zu tun. Man konnte auch hier wieder bemerken, daß bei einer großen Anstrengung sie nur schwer und mühsam begriff. So  war  auch  ihre  Handschrift,  mit  der  sie  sich  viele  Mühe  gab.  Sie  sprach  noch  immer  sehr gebrochen  Deutsch,  und  nur  wenn  sie  den  Mund  zum  Singen  auftat,  wenn  sie  die  Zither  rührte, schien  sie  sich  des  einzigen  Organs  zu  bedienen,  wodurch  sie  ihr  Innerstes  aufschließen  und mitteilen konnte. Wir müssen, da wir gegenwärtig von ihr sprechen, auch der Verlegenheit gedenken, in die sie seit einiger Zeit unsern Freund öfters versetzte. Wenn sie kam oder ging, guten Morgen oder gute Nacht sagte, schloß sie ihn so fest in ihre Arme und küßte ihn mit solcher Inbrunst, daß ihm die Heftigkeit  dieser  aufkeimenden  Natur  oft  angst  und  bange  machte.  Die  zuckende  Lebhaftigkeit schien sich in ihrem Betragen täglich zu vermehren, und ihr ganzes Wesen bewegte sich in einer rastlosen Stille. Sie konnte nicht sein, ohne einen Bindfaden in den Händen zu drehen, ein Tuch zu kneten,   Papier   oder   Hölzchen   zu   kauen.   Jedes   ihrer   Spiele   schien   nur   eine   innere   heftige Erschütterung abzuleiten. Das einzige, was ihr einige Heiterkeit zu geben schien, war die Nähe des kleinen Felix, mit dem sie sich sehr artig abzugeben wußte. Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich mit ihrem Freunde über einen Gegenstand, der  ihr  so  sehr  am  Herzen  lag,  endlich  zu  erklären,  ward  über  die  Beharrlichkeit  der  Kleinen diesmal ungeduldig und gab ihr zu verstehen, daß sie sich wegbegeben sollte, und man mußte sie endlich, da alles nicht helfen wollte, ausdrücklich und wider ihren Willen fortschicken. »Jetzt oder niemals«, sagte Aurelie, »muß ich Ihnen den Rest meiner Geschichte erzählen. Wäre mein zärtlich geliebter, ungerechter Freund nur wenige Meilen von hier, ich würde sagen: ›Setzen Sie  sich  zu  Pferde,  suchen  Sie  auf  irgendeine  Weise  Bekanntschaft  mit  ihm,  und  wenn  Sie zurückkehren, so haben Sie mir gewiß verziehen und bedauern mich von Herzen.‹ Jetzt kann ich Ihnen nur mit Worten sagen, wie liebenswürdig er war und wie sehr ich ihn liebte. 129
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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