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Wilhelm Meisters Lehrjahre

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der kleinen Welt schwebte. Ich sah nicht ohne Ehrfurcht zwischen die Brettchen hinunter, weil die Erinnerung,  welche  herrliche  Wirkung  das  Ganze  von  außen  tue,  und  das  Gefühl,  in  welche Geheimnisse ich eingeweiht sei, mich umfaßten. Wir machten einen Versuch, und es ging gut. Den andern Tag, da eine Gesellschaft Kinder geladen war, hielten wir uns trefflich, außer daß ich in   dem   Feuer   der   Aktion   meinen   Jonathan   fallen   ließ   und   genötigt   war,   mit   der   Hand hinunterzugreifen  und  ihn  zu  holen:  ein  Zufall,  der  die  Illusion  sehr  unterbrach,  ein  großes Gelächter  verursachte  und  mich  unsäglich  kränkte.  Auch  schien  dieses  Versehn  dem  Vater  sehr willkommen zu sein, der das große Vergnügen, sein Söhnchen so fähig zu sehen, wohlbedächtig nicht an den Tag gab, nach geendigtem Stücke sich gleich an die Fehler hing und sagte, es wäre recht artig gewesen, wenn nur dies oder das nicht versagt hätte. Mich kränkte das innig, ich ward traurig für den Abend, hatte aber am kommenden Morgen allen Verdruß schon wieder verschlafen und war in dem Gedanken selig, daß ich, außer jenem Unglück, trefflich gespielt habe. Dazu kam der Beifall der Zuschauer, welche durchaus behaupteten: obgleich der Lieutenant in Absicht der groben und feinen Stimme sehr viel getan habe, so peroriere er doch meist  zu  affektiert  und  steif;  dagegen  spreche  der  neue  Anfänger  seinen  David  und  Jonathan vortrefflich;   besonders   lobte   die   Mutter   den   freimütigen   Ausdruck,   wie   ich   den   Goliath herausgefordert und dem Könige den bescheidenen Sieger vorgestellt habe. Nun blieb zu meiner größten Freude das Theater aufgeschlagen, und da der Frühling herbeikam und man ohne Feuer bestehen konnte, lag ich in meinen Frei- und Spielstunden in der Kammer und ließ  die  Puppen  wacker  durcheinanderspielen.  Oft  lud  ich  meine  Geschwister  und  Kameraden hinauf;  wenn  sie  aber  auch  nicht  kommen  wollten,  war  ich  allein  oben.  Meine  Einbildungskraft brütete über der kleinen Welt, die gar bald eine andere Gestalt gewann. Ich  hatte  kaum  das  erste  Stück,  wozu  Theater  und  Schauspieler  geschaffen  und  gestempelt waren, etlichemal aufgeführt, als es mir schon keine Freude mehr machte. Dagegen waren mir unter den  Büchern  des  Großvaters  die  ›Deutsche  Schaubühne‹  und  verschiedene  italienisch-deutsche Opern  in  die  Hände  gekommen,  in  die  ich  mich  sehr  vertiefte  und  jedesmal  nur  erst  vorne  die Personen  überrechnete  und  dann  sogleich  ohne  weiteres  zur  Aufführung  des  Stückes  schritt.  Da mußte nun König Saul in seinem schwarzen Samtkleide den Chaumigrem, Cato und Darius spielen; wobei zu bemerken ist, daß die Stücke niemals ganz, sondern meistenteils nur die fünften Akte, wo es an ein Totstechen ging, aufgeführt wurden. Auch  war  es  natürlich,  daß  mich  die  Oper  mit  ihren  mannigfaltigen  Veränderungen  und Abenteuern mehr als alles anziehen mußte. Ich fand darin stürmische Meere, Götter, die in Wolken herabkommen,  und,  was  mich  vorzüglich  glücklich  machte,  Blitze  und  Donner.  Ich  half  mir  mit Pappe,   Farbe   und   Papier,   wußte   gar   trefflich   Nacht   zu   machen,   der   Blitz   war   fürchterlich anzusehen, nur der Donner gelang nicht immer, doch das hatte so viel nicht zu sagen. Auch fand sich   in   den   Opern   mehr   Gelegenheit,   meinen   David   und   Goliath   anzubringen,   welches   im regelmäßigen Drama gar nicht angehen wollte. Ich fühlte täglich mehr Anhänglichkeit für das enge Plätzchen, wo ich so manche Freude genoß; und ich gestehe, daß der Geruch, den die Puppen aus der Speisekammer an sich gezogen hatten, nicht wenig dazu beitrug. Die Dekorationen meines Theaters waren nunmehr in ziemlicher Vollkommenheit; denn daß ich von Jugend auf ein Geschick gehabt hatte, mit dem Zirkel umzugehen, Pappe auszuschneiden und Bilder zu illuminieren, kam mir jetzt wohl zustatten. Um desto weher tat es mir, wenn mich gar oft das Personal an Ausführung großer Sachen hinderte. Meine Schwestern, indem sie ihre Puppen aus- und ankleideten, erregten in mir den Gedanken, meinen  Helden  auch  nach  und  nach  bewegliche  Kleider  zu  verschaffen.  Man  trennte  ihnen  die Läppchen  vom  Leibe,  setzte  sie,  so  gut  man  konnte,  zusammen,  sparte  sich  etwas  Geld,  kaufte neues Band und Flittern, bettelte sich manches  Stückchen Taft zusammen und schaffte nach und nach eine Theatergarderobe an, in welcher besonders die Reifröcke für die Damen nicht vergessen waren. Die Truppe war nun wirklich mit Kleidern für das größte Stück versehen, und man hätte denken sollen, es würde nun erst recht eine Aufführung der  andern folgen; aber es ging mir, wie es den Kindern öfter zu gehen pflegt: sie fassen weite Pläne, machen große Anstalten, auch wohl einige 11
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: Mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... und Wohnungseigentumsgesetz
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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